Donnerstag, 23. Januar 2014

Zur Bildung: Gymnasium oder Realschule?

 Nicht so wichtig: Keine Karrierenachteile durch frühe Wahl der Schulform

Für Schüler, deren Begabungen im Grenzbereich der Anforderungen von Realschule und Gymnasium liegen, hat die Wahl der Schulform langfristig keine Auswirkungen auf Beschäftigung, Lohnniveau und Bildungsstand. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie, die das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) heute veröffentlicht hat. Demnach sorgt die vergleichsweise hohe Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems dafür, dass falsche Einordnungen durch einen späteren Schulwechsel korrigiert werden können.
In den nächsten Wochen erhalten die Eltern von Viertklässlern die Empfehlung der Lehrer für die weitere Schullaufbahn des Kindes. Auch wenn die Laufbahnempfehlung in den meisten Bundesländern nicht bindend ist, befürchten viele Eltern eine langfristige Benachteiligung ihrer Kinder, wenn diese möglicherweise vorschnell als nicht für das Gymnasium geeignet eingestuft werden.

Die Studie der Wirtschaftsprofessoren Christian Dustmann, Patrick Puhani und Uta Schönberg widerspricht der verbreiteten Kritik, das mehrgliedrige deutsche Schulsystem verteile die Schüler zu früh auf unterschiedliche Schulformen und schränke auf diese Weise die Bildungschancen insbesondere von „Spätzündern“ ein. Die Analyse basiert auf umfangreichen Zensus- und Sozialversicherungsdaten der Geburtsjahrgänge 1961-1976 und konzentriert sich auf den Werdegang von Realschülern und Gymnasiasten, die von den Voraussetzungen her an der Schwelle zwischen beiden Schulformen lagen. Langfristig fanden die Autoren zwischen diesen Schülergruppen keine Unterschiede bei den durchschnittlich erreichten Bildungsabschlüssen, der Beschäftigungsquote und dem erzielten Erwerbseinkommen.

Als Grund für diesen überraschenden Befund nennen die Wissenschaftler die im internationalen Vergleich hohe Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems. So können Realschüler, deren Leistungspotenzial zum Zeitpunkt der Schulwahl unterschätzt wurde, beispielsweise nach der neunten Klasse aufs Gymnasium wechseln – und umgekehrt. „Diese Möglichkeit des späteren Schulformwechsels ist ein entscheidender Aspekt des deutschen Schulsystems, der in vielen Studien übersehen wird. Unsere Ergebnisse zeigen, dass davon auch Gebrauch gemacht wird. Die Sorge vieler Eltern, die Zukunft ihres Kindes hänge an der Entscheidung Gymnasium oder Realschule, ist also unbegründet“, sagt Christian Dustmann, Ökonom am University College London.

Unbestritten sei zwar, dass Gymnasiasten im Schnitt die besseren Jobaussichten haben. Allerdings seien leistungsstarke Real- oder Hauptschüler keineswegs am Aufstieg gehindert. „Die Stärke des mehrgliedrigen Schulsystems ist, dass es die Anpassung der Lerninhalte an unterschiedliche Begabungen erlaubt. Statt am System zu rütteln, erscheint es sinnvoller, die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen noch weiter zu steigern und den Aufstieg zu erleichtern“, fordert Mitautor Patrick Puhani, Wirtschaftsprofessor an der Leibniz Universität Hannover. 

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