Montag, 15. Juli 2013

Es war einmal . . .

. . . stand an den beiden letzten Tagen am Beginn fast jeder Geschichte, die im Park des Kunsthauses Meyenburg zu hören war, wie deren Abschlüsse vielfach mit dem Satz endeten, „Und wenn sie nicht gestorben sind . . .“. Es fand dort ein zweitägiges Märchenpicknick statt und als Besucher konnte man an vielen Stellen und Ständen des Parks Märchenerzählern zuhören oder Märchenaufführungen verfolgen, die selbst große und kleine Zuhörer und Zuschauer in eine märchenhafte Welt zu entführen vermochten. Und dieses „Es war einmal . . .“ steht nun auch am Ende dieser märchenhaften Veranstaltung selbst und regt mich an, eine ganz persönliche kleine Rückschau mit gewonnenen Eindrücken und Einsichten zu halten. Mein Interesse an dieser Veranstaltung teilte ich mit vielen anderen Erwachsenen, die ihren Sinn für Märchen nicht verloren haben. Ich war am Samstag anlässlich der Eröffnung
dieses Picknicks überrascht, welche Kenntnis und Erinnerung auch sowohl der Sondershäuser Bürgermeister Joachim Kreyer und Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh an Märchen mitbrachten. Nicht nur an solchen, die man in Kindheitstagen hörte und lernte, sondern auch an modernen Märchen. Und der mit dieser Veranstaltung verbundene Märchen-Wettbewerb gab ihnen als Mitglied der Jury oder als Gastgeber der Veranstaltung Gelegenheit, diese Kenntnis noch zu erweitern. Immerhin waren es 193 erdachte Märchen, die als Ergebnis der Einladung zu diesen Wettbewerb eingereicht wurden.
Nachzutragen in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass sich nicht nur Kinder an diesem Wettbewerb beteiligten, sondern Menschen jeden Alters, die demzufolge in zwei Gruppen gewertet wurden: Preisträger Kinder und Preisträger Erwachsene. Dass sich unter letzteren auch Birgit Susemihl, Pressesprecherin des Theaters Nordhausen befand, lässt erkennen, wie breit gestreut das Spektrum der Bewerberinnen war. Und dann
waren es an diesen beiden Tagen nicht nur Eltern, die mit ihren Kindern oder Enkeln ins Märchenland des Kunsthaus-Parks gekommen waren, es waren auch Menschen, die sich einfach in diese Märchenwelt entführen lassen wollten.

Ich könnte das, was ich bei meinen Besuchen des Parks an diesen beiden Tagen sah und erlebte, in eine Bildergalerie fassen, zumal ich noch nie in einer Veranstaltung so viele Situationen und Vorgänge erlebte, die mir wert schienen, im Bild festgehalten zu werden. Damit aber würde ich einen Betrachter mit diesen Bildern allein lassen, ohne Hilfestellung für Hintergründe und Zusammenhänge. Die aber doch bemerkenswert sind, wie ich meine. Und so mögen es wohl auch die Verfasser des Büchleins gesehen haben, die darin die besten Märchen zusammengefasst hatten und es während dieser Veranstaltung zum Kauf für 2 Euro anboten. Nachdem das Sponsoring der Sparkassen der drei nordthüringer Landkreise und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen diesen günstigen Preis ermöglichte.

Es waren viele Besucher, die an diesen beiden Tagen in den Park kamen, trotzdem hätten es mehr sein können, wie ich als Antwort auf meine diesbezüglichen Fragen von Organisatoren und Regisseure hörte. Das Zusammentreffen von Beginn der Schulferien und der des Märchenpark-Picknicks war wohl nicht sehr glücklich gewählt, denn viele Kinder dürften mit ihren Eltern schon auf der Fahrt in den Urlaub gewesen sein. Deshalb sind wohl auch die Ankündigungen in den Medien unmittelbar vor der Veranstaltung eher wirkungslos geblieben.

Über die Eröffnung dieser Veranstaltung habe ich berichtet. Nicht erwähnt hatte ich, dass Dr. Anja Eisner, Chefdramaturgin des Theaters Nordhausen, während des Einführungsdialogs mit der Kunsthistorikerin
Susanne Hinsching, als Jurymitglied bei dieser Eröffnung und zur Demonstration der Qualität der eingesandten Märchen eines herausgegriffen hatte und vorlas, das nicht unter den ausgezeichneten war: es stammte von Ines Gast vom Jugendsozialwerk. Mit deren Namen sich doch ein Projekt verbindet , das inzwischen weit über die Grenzen Nordhausens bekannt ist: „Nordhäuser Treppenkäfer“. Und „Der Käferzug“ war auch der Titel ihres Märchens, das sie eingereicht hatte. Und nun von Dr. Eisner vorgelesen wurde. Es zeigt auch für jene, die das Büchlein „Märchenhaft“ nicht kennen oder gar erwarben, das bemerkenswerte Niveau der eingesandten Märchen. Hier ihr mitgeschnittener Text:

„Der Käferzug“

Volker Bank lebte für seinen Job als Bankangestellter. Frühmorgens der Erste und abends der Letzte, immer vollständig vertieft in seine Aufgaben. Er bemerkte nichts von den „süßen, wohlbekannten Düften, die
ahnungsvoll das Land streiften“, er hatte kein Auge für die „auf und nieder tanzenden Schneeflöckchen“, er sah weder die „roten Blätter fallen“, noch die „grauen Nebel wallen“. Nur den Sommer gelang es ihm nicht immer zu ignorieren. Wenn es gar zu heiß und drückend wurde, konnten ihm schon einmal ein tiefer Seufzer über die Lippen gleiten.

So verging der Frühling seines Lebens und auch der Sommer, ohne dass jemals irgendetwas ihn ernsthaft von seiner Leidenschaft für Zahlen auf dem Papier hätte lösen können. Keine Null war ihm zu klein, kein Komma zu unbedeutend. Auf ihn war in jeder Bankhinsicht Verlass.

Jedoch an einem dieser heißen Sommertage, die die Luft zum Flirren und ihn ab und an zum Seufzen brachten, geschah das Unerhörte. Etwas bewegte sich in einer der Hitze angemessenen Langsamkeit über sein mit Zahlen übersätes Blatt. Zunächst glaubte Volker Bank der Hitze wegen seinen Augen nicht mehr trauen zu können. Warum sonst hätte die Zahl, auf der sein Blick gerade klebte, plötzlich nicht mehr in Gänze zu überblicken gewesen sein sollen. Volker Bank seufzte. Und er blinzelte mit den Augen. Und da war es geschehen. Seine Augen fanden nicht mehr zurück an die Stelle, die sie gerade verlassen hatten. Wie auch, die Zahl hatte ja von ihnen noch nicht vollständig erfasst werden können. Ein Teil fehlte. Und es war vollkommen unklar, ob es sich dabei um eine belanglose Null hinter dem Komma oder irgendetwas davor gehandelt hatte.
Volker Bank schwitzte. Er hatte sowieso geschwitzt. Aber das war nicht der Rede wert gewesen, es war der Sommerhitze geschuldet. Zu diesem Schwitzen gesellte sich nun ein zweites, mit dem ersten überhaupt nicht vergleichbares, weil unerhörtes, Schwitzen. Volker Bank schwitzte Blut und Wasser. Ehrlich. Noch nie ist diese Phase wahrhaftiger gewesen als in diesem Falle. Beweis genug sind die weiteren Entwicklungen.

Volker Bank verließ seinen Platz am Bankschalter. Nicht als Letzter, nachdem alle anderen schon längst gegangen waren, er verließ seinen Platz mitten am Tag. Ohne jede Ankündigung, ohne erkennbaren Grund. Alle seine Kollegen und alle Kunden starrten Volker Bank an. Hier war etwas im Gange, das so unerwartet kam wie Schnee im Juli. Volker Bank verließ nicht nur seinen Platz, er verließ auch das Haus. Er folgte instinktiv dem Wesen, das sein Zahlenblatt gekreuzt hatte, das sein Leben aus der Bahn gebracht hatte. Als er auf die Straße trat, wandte er seine Schritte nach links. Er überquerte eine Straße, dann noch eine, und
unmittelbar danach fand er sich am Fuße einer Treppe wieder. Eine schöne Treppe, eine breite Treppe, in einem spitzen Winkel auf ihn zulaufend, als wollte sie ihn aufspießen. Abrupt blieb Volker Bank stehen.

Da saß dieses seltsame Wesen, das seinen Weg so nachdrücklich gekreuzt hatte, zu seinen Füßen, auf der untersten Stufe der Treppe und war offenbar gerade im Begriff, die nächste Stufe zu erklimmen. Volker Bank schaute genauer hin. Er zählte sechs Beine und übersah auch die Punkte auf dem halbkreisförmigen Rumpf nicht, der zudem von zwei Flügeln bedeckt wurde. Am auffälligsten aber war der große Hut, aus dem zwei lange Fühler schauten. Nach allem, was neben Zahlen in seinem Kopf hängen geblieben war, musste es sich hier um einen Käfer handeln. Und er war nicht allein. Ein ganzer Käferzug krabbelte im Gänsemarsch die Treppe hinauf.

Volker Bank musste jetzt sehen, wohin sie wollten. Er gab Acht, die Käfer nicht zu berühren und stieg die Stufen daher nur langsam nach oben. Je höher er kam, desto weiter öffnete sich sein Blick. Blumenübersäte Beete wurden sichtbar, dicke Seile, die zwischen hohen Pfählen gespannt waren, ein sehr hoher steiler Stein, an dem Menschen wie Käfer hinaufkletterten, weiter entfernt ein Turm, der weit über das Land ragte. Der Lärm der Stadt trat in den Hintergrund. Volker Bank hielt den Atem an. Er spürte plötzlich den leichten Sommerwind, der seinen Schweiß getrocknet hatte, der Duft der Blumen kitzelte in seiner Nase, der unbefleckte blaue Himmel tat seinen Augen gut. Er setzte sich auf das Rondell oberhalb der Treppe und atmete ganz tief, ganz bewusst ein. Er spürte plötzlich sein Blut pulsieren. Er lebte!

Lange saß Volker Bank in Gedanken versunken. Seine Kollegen, die ihm in Sorge und Verwunderung gefolgt waren, waren gebannt auf den Treppenstufen stehen geblieben. In Gänseformation wie die Käfer, die sich langsam aber gleichmäßig nach oben bewegten. Es war klar, dass sie genau wussten, wohin sie wollten. Sie öffneten Horizonte. (Ende des Märchens.)

Mich beeindruckte an dieser Geschichte nicht nur sein imaginärer Inhalt, sondern auch die Linguistik, die eigentlich heutzutage jeder Germanistin – und Susanne Hinsching ist ja eine solche – Freude bereiten dürfte. Auch die in erwähntem Büchlein enthaltenen Märchen sind ja in einem so sauberen Deutsch gefasst, dass ich eine berufene Hand dahinter vermute. Denn Kinder im Alter von durchweg zehn Jahren vermögen das kaum.


Wie dem auch sei, das Leben im Park an diesen beiden Tagen war in der beobachteten Unbeschwertheit so märchenhaft geprägt, dass man den Organisatoren dankbar sein müsste, die dieses Erleben den Akteuren sowohl als auch den Besuchern ermöglichten. Die Bilder entlang des Textes mögen es verdeutlichen.

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