Montag, 15. Juni 2020

„Ein Zeichen setzen, dass das Theater noch da ist“

Femke Soetenga singt in der Musicalgala im Rahmen der TN LOS! Sommernächte 2020 im Schloss Heringen

Das Interview führte Birgit Susemihl

Musical-Star Femke Soetenga gab ihr Nordhäuser Debüt 2007 in der Rolle der Florence Vassy in „Chess“ und war seitdem immer wieder gern gesehener Gast im Theater Nordhausen und bei den Thüringer Schlossfestspielen Sondershausen. Hier hätte sie in diesem Sommer als Milady de Winter in „3 Musketiere“ auf der Bühne im Schlosshof gestanden. Ein Wiedersehen mit Femke Soetenga gibt nun es ab 26. Juni bei den TN LOS! Sommernächten 2020 im Heringer Schlosshof, wo sie in der Musicalgala „Broadway Forever“ unter anderem „Ich hab‘ geträumt“ aus „Les Misérables“, „Milady ist zurück“ aus „3 Musketiere“ und „Sie ergibt sich nicht“ aus „Rebecca“ singen wird.


Die Musicalgala in Heringen ist die erste Vorstellung des Theaters Nordhausen seit der Corona-Krise. Wann hast du zum letzten Mal auf einer Bühne gestanden?
Der letzte Auftritt live mit Publikum war der Bühnenball am 6. und 7. März im Theater Nordhausen.

Hast du gerade für eine Produktion geprobt, als die Coronakrise begann?
Nein, ich hatte Vorstellungen. In Nordhausen habe ich die Titelfigur in „Evita“ gespielt und in Schwerin Florence in „Chess“. Mitte Mai hätten die Proben für „3 Musketiere“ bei den Thüringer Schlossfestspielen Sondershausen begonnen. In Nordhausen hätte ich noch die Konzertreihe „Evita and Friends“ gesungen. Am 13. März – das war wirklich ein Freitag, der Dreizehnte – kam eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Ein paar Theater haben noch gehofft, dass es irgendwann im Sommer weitergehen kann, aber auch sie haben letztendlich absagen müssen.

Wo hast du die Zeit ohne Vorstellungen und Proben verbracht?
Ich war zu Hause in Hamburg. In den ersten zwei Wochen war ich sehr enttäuscht und fühlte mich machtlos. Ich hätte nie gedacht, dass man von einem Tag auf den anderen ein ganzes Land schließen kann und nichts mehr so ist wie vorher. Machtlosigkeit setzt sich bei mir immer in Tatendrang um. Deshalb habe ich in meiner Wohnung viel renoviert.
Dann kamen bald die Überlegungen, was ich in dieser Situation tun kann. Ich habe angefangen, online zu unterrichten. Ich unterrichte sowieso, aber über Skype habe ich sogar einige Studenten dazubekommen, die ich normalerweise nicht unterrichtet hätte, weil sie irgendwo anders in Deutschland leben.

Wie hast du deinen Unterricht auf online umgestellt?
Eigentlich ging das ziemlich einfach, ich war selbst überrascht. Die Gesangsübungen spiele ich bei mir auf dem Klavier und die Studenten singen sie bei sich. Ich kann sehen, wie sie atmen und wie sie dastehen. Und ich habe gute Kopfhörer, so dass ich alles höre! An den Songs arbeiten wir mit Playbacks bei den Studenten. Das ist kein großer Unterschied zum normalen Unterricht.
Zusätzlich habe ich in dieser Zeit angefangen, Präsentationsunterricht zu geben. Ich bin keine Logopädin, es ist kein logopädischer Unterricht, sondern Präsentationstraining mit Pflege der Stimme. Das habe ich vorher nie gemacht.

Hast du noch andere neue Wege gefunden, dich mit deiner Kunst zu beschäftigen?
Ich habe zusammen mit einem Pianisten, den ich als Dirigent bei den Freilichtspielen Tecklenburg kennengelernt habe, ein Duo namens Gin Tuneic gegründet und damit auf der Plattform twitch vier Online-Konzerte gegeben. Außerdem bin ich in einem Online-Konzert von Kollegen aufgetreten. Auf dieser Plattform kann man nebenbei mit den Zuhörern chatten. Dadurch gibt es einen Live-Charakter. Denn was mir fehlte, war der Austausch mit dem Publikum. Man merkt im Theater einfach, dass Leute da sind, dass sie atmen, an deinen Lippen hängen. Der Chat hat das ein bisschen wieder gutgemacht, auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist. Im Moment ist das emotional für Menschen, die gerne ins Theater gehen und das jetzt nicht dürfen, und für uns, die gerne im Theater arbeiten, auf jeden Fall eine Alternative.

Die Theater dürfen jetzt langsam wieder mit Vorstellungen beginnen. Was haben die Schließungen aus deiner Sicht für das Publikum bedeutet?
Es gibt ja gerade jetzt dieses Wort „systemrelevant“. Damit tue ich mich schwer. Natürlich verstehe ich, dass wir keine primären Bedürfnisse stillen wie Ärzte oder Lieferanten von Lebensmitteln. Aber trotzdem darf man nicht unterschätzen, was das Theater emotional leisten kann und wie wichtig es ist, dass Leute drei Stunden ins Theater gehen, ihre Alltagssorgen vergessen und abschalten können. Ich denke, dass dieser emotionale Aspekt für viele sehr wichtig ist.
Unsere Berufsgruppe ist die letzte, die wieder voll arbeiten kann. Es gibt sehr viele Regeln über die man sonst überhaupt nicht nachdenkt, das ist eine Umstellung. Aber ich bin so froh, dass es mit der Musicalgala in Heringen überhaupt wieder losgeht, dass wir wieder Konzerte mit einem Orchester und mehreren Sängern geben können!

Hast du in der Corona-Zeit neue Hobbies entdeckt, weil du mehr Zeit hattest?
Normalerweise bin ich viel unterwegs und in Hotels. Einfach mal zu Hause zu sein und die Wohnung zu genießen, das war wirklich Luxus. Ich habe meinen Balkon mit Blumen und Pflanzen ausgestattet, was ich normalerweise nicht machen kann, weil ich zu selten zu Hause bin und sie nicht pflegen kann.
Außerdem schreibe ich schon länger Kurzgeschichten. Die habe ich in der freien Zeit zusammen mit einem Lektor überarbeitet. Jetzt suche ich gerade einen Verleger dafür. Ich weiß aber noch nicht, ob ich sie nur als Buch herausbringen möchte oder auch als Hörbuch oder Podcast, weil ich sie dann selber erzählen könnte.

Mit dem Theater Nordhausen bist du schon seit „Chess“ 2007 verbunden. Was sind deine schönsten Erinnerungen an Nordhausen?
Ich habe in Nordhausen ganz viele schöne Stücke gespielt. „Chess“ war meine allererste Produktion an einem Stadttheater. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich habe in Nordhausen immer das Gefühl, willkommen zu sein. Die Stimmung ist sehr zugänglich und offen. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass das, was ich mache, geschätzt wird. Ich weiß nicht, ob ich irgendwo anders die Chance bekommen hätte, Kathy Selden in „Singin‘ in the Rain“ zu spielen. In Nordhausen war das möglich, weil es nicht um Typecasting ging, sondern um die Qualität, die man liefern kann. Das ist natürlich das Schönste, was einem als Künstler passieren kann.

Wie empfindest du deine Entwicklung in diesen Jahren?
Für mich kann ich nur sagen, dass man mit der Zeit seine Mitte findet. Dass man zufriedener sein kann mit sich selbst. Ich habe immer noch sehr hohe Ansprüche an mich, aber ich mache mich jetzt nicht mehr selbst so fertig, wenn mal ein Fehler passiert. Das hat mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun, damit, dass ich gewachsen bin. Das zeigt sich am besten an „Chess“: Die Rolle der Florence kam alle paar Jahre wieder auf meinen Weg. Trotzdem war sie jedes Mal anders, weil ich immer an einem anderen Punkt in meinem Leben stand und andere Dinge einbringen konnte. Dadurch merke ich, wie ich mit dem Theater erwachsen geworden bin und wie die Rolle der Florence mit mir gewachsen ist. Es ist ein schönes Geschenk, das durch diese Rolle mitzuerleben.

Wie geht es in der nächsten Spielzeit für dich weiter?
Wir gehen davon aus, dass man ab Ende August theoretisch wieder spielen darf, aber ob das realistisch ist, weiß ich nicht. Deswegen sind die meisten Theater noch sehr zögerlich in ihren Aussagen. Man kann davon ausgehen, dass es Anfang nächsten Jahres wieder einigermaßen normal läuft.
Es ist schön, dass wir mit den Open-Air-Konzerten in Heringen ein Zeichen setzen können, dass das Theater noch da ist!


Karten für die Vorstellungen der Musicalgala „Broadway forever“ am 26. und 28. Juni sowie am 3., 5., 11., 18., 24. und 25. Juli jeweils 19.30 Uhr sowie für die weiteren Konzerte der „TN LOS! Sommernächte 2020“ gibt es im Internet unter www.theater-nordhausen.de sowie an der Theaterkasse (Tel. 0 36 31/98 34 52) und an den meisten, wieder geöffneten, Vorverkaufsstellen der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH.


Foto: Femke Soetenga (Fotograf: Julian Freyberg)

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