Samstag, 10. Dezember 2011

Ist Dabeisein wirklich alles?

Gemeint ist damit ein „Zwischenruf“ in „Stern.online“ von dessen Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges zu Facebook unter dem Titel „Raus aus Facebook“.Er beginnt seinen Zwischenruf wie folgt: „Das soziale Netzwerk gilt als Muss im digitalen Zeitalter. Längst aber ist es zu einem Datenmoloch gewuchert, einem dunklen Imperium.“ Und macht auf die Problematik aufmerksam, die man als Nutzer dieses Netzwerkes eingeht.

Ein bedenkenswerter Zwischenruf, wie ich meine. Nachdem es allein in Deutschland 20 Millionen Nutzer geben soll. Und schon deshalb kommt eine Warnung wie die von Jörges längst zu spät. Was immer diese Masse mit ihrer Mitgliedschaft bezweckt, scheint ihr eines nicht bewusst zu sein: dass sie benutzt wird. Jörges beschreibt Zusammenhänge und Hintergründe um dann seinen Rat zu bekräftigen: „Raus aus Facebook“. Und das, nachdem inzwischen schon jedes Medium einlädt, sich bei Facebook zu treffen Und die Reaktionen sind auch eindeutig. Aber auch aus einen anderen Grund, der wohl in der Masse der Nutzer selbst liegt.

Dazu erinnere ich mich an eine Betrachtung vom Mai diesen Jahres eines Stefan Reinmann in einer durchaus renommierten Zeitung, der einen Klaus Karl Kraus (alias Gerch) überlegen lässt, ob er sich einen Facebook-Account anlegen soll. „Aber ein bisschen Angst hat er noch davor, beschreibt Reinmann dessen Überlegungen, denn: "Da schreiben Leute Sachen rein, die sie nicht mal am Stammtisch erzählt hätten. Enthemmend seien diese sozialen Netzwerke. Vielleicht sogar schlimmer als Alkohol.“ Das Fazit? „Die Welt wird laut Gerch immer blöder.“

So hart würde ich es nicht ausdrücken – ich weiß es ja auch nicht aus eigener Kenntnis, denn ich bin kein Facebook-Nutzer. Wenn ich allerdings schon die (Bürger-)Kommentare als Reaktion journalistischer Berichte in renommierten Zeitungen lese, überkommt mich manchmal Kümmernis: Das Bedürfnis, sich zu äußern, ist oft erkennbar größer als ihr Denk- und Schreibvermögen. Da bekommt ihre Anonymität doch einen gewissen Sinn. Und wenn ich dann im „Stern“ aktuell lese (Auszug): „Facebook hat das Design seiner Nutzerprofile komplett überholt. Doch hinter ansprechender Gestaltung und besserer Übersicht verbergen sich mächtige Veränderungen, die weit über reine Optik hinausgehen. "Timeline" - Zeitleiste - nennt Facebook das, was früher ein Profil war. Denn die Mitglieder sollen ihr ganzes Leben in Facebook abbilden können. Die aktuellen Aktivitäten werden automatisch eingetragen, doch es wird auch möglich sein, zurückliegende Ereignisse hinzuzufügen. Die Zeitleiste...reicht nicht zufällig bis zur Geburt zurück „ (Ende des Auszugs), dann reicht meine Phantasie wohl nicht aus, um mir vorzustellen, was dabei offenkundig wird.Immerhin aber wohl das Bedürfnis, sich zu exhibitionieren. Und das muss scheinbar überwältigend sein.

Ohne weiter und detaillierter auf den Inhalt des Jörges'schen Zwischenrufes einzugehen (der in „Stern.online“ nachzulesen ist), dürfte er er eben zu spät kommen, um auch nur die Spur einer Chance zu haben. Er wird aber offenbar und im Grunde auch nur zur Diskussion gestellt, um dem Redakteur Florian Güßgens (ebenfalls „Stern“) Gelegenheit zu geben, seine konträre Ansicht dazu zu äußern. Und da heißt es nun (Auszug vom 08.12.11): „In seiner „Stern“-Kolumne,... fordert Hans-Ulrich Jörges den großen Facebook-Exodus. Als Akt des zivilen Widerstands. Gegen den Daten fressenden Moloch. Gegen Mark Zuckerberg, den Dark Lord in Jeans und T-Shirts. Gegen die fiese Fratze des milliardenschweren Börsengängers. Bürger, lasst das Glotzen sein. Kommt herunter, reiht euch ein. Die rhetorische Leidenschaft der Polemik ist dabei wunderbar. Sie greift auch ernst zu nehmende Ängste im Umgang mit Facebook im Besonderen und sozialen Medien im Allgemeinen auf. Allein: Jörges macht sich für die falsche Lösung stark. Er verteufelt nicht nur Facebook, sondern dämonisiert pauschal das Leben in dieser digitalen Lebenswelt, in der sich immerhin über 20 Millionen Deutsche bei Facebook registriert haben. Im Kino läuft derzeit ein Film mit dem Titel "Kein Sex ist auch keine Lösung". Ähnlich verhält es sich mit den sozialen Medien: sie machen eine Menge Spaß, haben einen gewaltigen Nutzen - aber schaffen mitunter auch Probleme. Auf sie zu verzichten, wegzurennen, ist jedoch keine Lösung. Mündige Bürger müssen lernen, mit ihnen umzugehen - ob sie nun Facebook, Google+ oder Twitter oder Sonstwie heißen.“ (Ende des Auszugs).

Güßgens unterstellt Jörges, nur die Risiken und Gefahren aufgezeigt zu haben, die sich mit der Nutzung von Facebook verbinden. Und stellt seine eigene Auffassung dagegen. In der zwar die Risiken nicht bestritten werden, aber gleichzeitig auch festgestellt wird, dass Facebook einfach Spaß machen kann. Dass Zuckerberg aber gerade darauf abstellt und damit wohl das Gros der Nutzer gewonnen hat, um sie zu instrumentalisieren, scheint man nicht zu erkennen. Und sicher ist es richtig, wenn Güßgens argumentiert (Auszug): „Man mag mit einem Schulterzucken auf die Belanglosigkeiten reagieren, die da ausgetauscht werden. Aber für viele Menschen hat Facebook einen wie auch immer gearteten subjektiven Nutzen. Sonst würden sie dort nicht so viel Zeit verbringen... für viele Nutzer sind die sozialen Medien Lebensbestandteil, technische, soziale, kulturelle Errungenschaften. Wie das Fernsehen, das Radio, wie Print- oder Onlinemedien. Es ist lebensfremd, einfach Abstinenz zu fordern. Es wäre so, als würde man grundsätzlich aufs Telefonieren aus Angst vor dem Abhören verzichten, aufs Internet aus Angst vor dem Bundestrojaner...“(Ende des Auszugs). Ich denke, jeder mag es halten, wie er möchte. Wenn Güßgens aber meint. Abstinenz von Facebook wäre lebensfremd; möchte ich dem schon entgegenhalten: ich bin Facebook-Abstinenzler und halte mich nicht für lebensfremd. Wenn vielleicht auch mit mancher meiner Ansichten etwas konservativ. Und halte gerade deshalb (wie Jörges) Facebook für ein dunkles Imperium, das ihre Nutzer nach Belieben (miss-)braucht. Und offenbar bin ich als Abstinenzler von Facebook (noch) nicht allein

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