Freitag, 7. Februar 2014

Martin Luther: Projektionsfläche der Bedürfnisse der Zeit

Diese Aussage stammt eigentlich von Stephan Dorgerloh, dem Kultusminister Sachsen-Anhalts, die er zu Beginn des Themenjahres 2014 „Reformation und Politik“ im Rahmen der Lutherdekade machte.


Sie könnte allerdings auch von dem Historiker Prof. Dr. Heinz Schilling stammen, der gestern im Nordhäuser Tabakspeicher in einem ausgezeichneten Vortrag zum Thema „Der Rebell Martin Luther-Vom Katholizismus zum Protestantismus“ hielt. Dazu hieß es schon in der Ankündigung, er würde diesen welthistorischen Rebell Luther in seine Zeit stellen und eindrucksvoll auch das Gegensätzliche und Widersprüchliche an ihm zeigen. Er würde Martin Luther nicht etwa als einsamen Heros schildern, sondern als Akteur in einem gewaltigen Ringen seiner Zeit. Das tat er dann auch, aber auch er führte schon zu Beginn seines Vortrags aus, dass die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags 2017 nicht dazu genutzt werden dürfe, den Reformator zu instrumentalisieren, wie es in den vergangenen Jahrhunderten, und auch zu den Jubiläen geschah (besonders im Nationalsozialismus, letztmals aber auch 1983 zu seinen 500. Geburtstag) in denen jeweils das „braucbarste Stück Luther“ herausgestellt und für die eigenen Zwecke „beansprucht“ wurde. So habe der Reformator anfangs stark der konfessionellen Abgrenzung gedient, später tatsächlich auch als „deutscher Heros“ und „Vater des Vaterlands“, also stets und eben immer als „Projektionsfläche der Bedürfnisse der Zeit.“

Zu Prof. Dr. Heinz Schilling ist in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, dass er Autor des sehr aktuellen Buches „Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs" ist. (Die Ankündigung zu diesem Vortrag ist im wesentlichen dem Klappentext des Buches entnommen,) Er würdigt darin den Reformator als Theologen, der die Religion wieder als existenzielle Kraft für den Einzelnen und für die Gesellschaft in die Welt brachte. Er hat damit ganz sicher die Welt in der Hinwendung zur Religiosität als existenzielle Kraft verändert. In der oberflächlichen Leistungsfrömmigkeit des Mittelalters war die Religion zur Arabeske geworden. Luther brachte die Religion wieder als existenzielle Kraft für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft in die Welt. Mit positiven und negativen Folgen, aber in einer Dynamik, die das Zeitalter und die Welt veränderte.
Bevor ich mich nun noch intensiver mit den Ausführungen Dr. Schillings befasse, halte ich es für geraten, mir den Mitschnitt seines Vortrags mit aller Sorgfalt anzuhören. Schon weil sich der Referent u.a. auch mit dem (Hass-)Verhältnis Luthers mit den Juden beschäftigte. Und dabei auch die erste Vertreibung der Juden aus Nordhausen im Jahre 1559 mit seiner weiteren Entwicklung erwähnte. Und das bedarf dann schon einer absolut korrekten Wiedergabe.


Ein weniger brisante Passage aber doch damit zusammenhängend war im Vortrag Dr. Schillings Luthers Toleranzbegriff. Der nach seiner Auffassung nicht am Toleranzbegriff des 21. Jahrhunderts gemessen werden kann. Der Toleranzbegriff nach der Aufklärung ist ein anderer als zur Zeit Luthers. Die Religion war damals die Zentralachse des öffentlichen wie des privaten Lebens. Da war Toleranz im heutigen Sinne nicht möglich. Es ist daher völlig unhistorisch - wie es in einer Broschüre der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geschieht - die Untoleranz Luthers herauszustellen oder sich gar für diese historische Position Luthers zu entschuldigen. Es geht vielmehr darum herauszuarbeiten, warum Luther hier eine andere Einstellung hatte als wir heute und wie er dennoch mit dazu beigetragen hat, dass sich der moderne Toleranzbegriff entfalten konnte. Mit zunehmenden Alter war Luther geradezu getrieben von der Sorge, dass seine Erkenntnis wieder verloren gehen könnte. Er hat die Obrigkeit aufgefordert, gegen alle, die von seiner Gnadenlehre und von seiner Wende hin zum Evangelium abweichen, vorzugehen. Das war nichts Besonderes in jener Zeit. Das kann man ihm auch nicht vorwerfen, sondern das muss man
genauso beschreiben. Und dabei eben seine starken Ausfälle gegen die Juden. Seine Haltung historisch zu erklären, heißt natürlich nicht, sie in irgendeiner Weise akzeptabel zu machen. Gerade an diesem Punkt ist auf die grundlegende Andersartigkeit seiner und unserer heutigen Welt zu beharren. Aber darauf werde ich zu gegebener Zeit noch näher eingehen.


Die dem Vortrag Dr. Schillings folgenden Einwendungen ließen erkennen, dass vieles in der Person Martin Luthers – etwa die Frage ob er im Grunde ein Menschenfreud oder -feind war – auch heute noch der Klärung bedürfte. Das „Dankeschön“ an Dr. Schilling, überreicht von Birgit Adam, Leiterin der Harztourist-Information, konnte lediglich eine bescheidene Geste sein.

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