Meldung zu einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Das Parlament“ (Erscheinungstag: 31. Januar 2022)
-bei Nennung der Quelle frei zur Veröffentlichung-
Der
Kinderarzt Jörg Dötsch kann sich die Einführung einer allgemeinen
Corona-Impfpflicht für Erwachsene vorstellen. „Wenn es keinen anderen
Weg gibt, um die Pandemie zu beenden und damit auch die Freiheit
wiederzugewinnen, kann ich die Überlegung zu einer allgemeinen
Impfpflicht gut nachvollziehen“, sagte der Direktor der Klinik für
Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln der Wochenzeitung „Das
Parlament“. Dötsch fügte hinzu: „Als Arzt würde ich mir natürlich
wünschen, Menschen zu überzeugen, etwas zu tun, das zum Schutz
insbesondere vulnerabler Gruppen in der Gesellschaft nötig ist.“
Aus
seiner Sicht ist die gezielte Immunisierung älterer Menschen sinnvoll.
„Vulnerable Ältere haben ein deutlich erhöhtes Risiko im Vergleich zu
jüngeren Menschen. Das Immunsystem von Kindern ist stärker zur
Virusabwehr fähig, selbst wenn sie Vorerkrankungen haben. Bei den
älteren Menschen kommen Vorerkrankungen und das gealterte Immunsystem
zusammen“, sagte Dötsch, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Kinder- und Jugendmedizin ist und Mitglied im Corona-Expertenrat der
Bundesregierung. Eine Corona-Impfpflicht für Kinder lehnt er ab.
Das Interview im Wortlaut:
Das
Parlament: Herr Dötsch, die meisten Kinder, die sich mit Covid-19
infizieren, zeigen milde Symptome. Ist das Virus in seinen diversen
Varianten für Kinder ungefährlich?
Jörg Dötsch: Die
meisten Kinder und Jugendlichen zeigen tatsächlich milde Symptome, es
gibt aber Ausnahmen. Ausgenommen sind Kinder mit Vorerkrankungen. Wir
wissen, dass schweres Asthma, eine schwere Mehrfachbehinderung oder
schwere Organerkrankungen dazu führen können, dass Kinder auch einen
schwereren Covid-Verlauf haben, sich auf der Intensivstation
wiederfinden und im schlimmsten Fall sogar sterben.
Das Parlament: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder mit Covid-19 auf eine Intensivstation kommen?
Jörg
Dötsch: Für gesunde Kinder ist die Wahrscheinlichkeit gering. Wir
hatten aber vor allem in der Frühphase der Pandemie Fälle, dass mit
Covid infizierte Kinder eine zweite Erkrankungswelle durchgemacht haben,
das sogenannte Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS).
Durch eine überschießende Immunantwort können betroffene Kinder schwer
erkranken, auch Kinder ohne Vorerkrankungen.
Das Parlament: Welche Rolle spielt Long-Covid?
Jörg
Dötsch: Wir wissen, dass es das auch bei Jugendlichen gibt, aber
seltener als bei Erwachsenen. Noch seltener kommt es bei Kindern vor. Es
ist schwer, genau zu sagen, wie viele Kinder betroffen sind. Einige
Symptome können auch Folge einer Langzeitbelastung sein, etwa Müdigkeit,
Abgeschlagenheit oder Schlafstörungen. Das kann auf eine Depression
hindeuten, die wir in der Pandemie bei Kindern häufiger sehen. Das macht
die Differenzierung so schwierig.
Das Parlament: Eltern machen sich Gedanken, ob sie ihren Kindern eine Corona-Impfung zumuten wollen. Was raten Sie?
Jörg
Dötsch: Ich würde Eltern raten, sich nach den Empfehlungen der
Ständigen Impfkommission (Stiko) zu richten. Das ist eine hochkarätige,
unabhängige Einrichtung mit maximaler Sachkenntnis. Vorsichtige Eltern
sollten wissen, dass auch die Stiko sich vorsichtig äußert, insofern ist
das ein guter Maßstab. Gleichzeitig gibt es Grenzsituationen, in denen
die Stiko sagt, Kinder können geimpft werden, aber die Daten sind noch
nicht abschließend ausgewertet. Das betrifft etwa die gesunden Fünf- bis
Elfjährigen. Hier würde ich aufgrund der bislang geringen
Nebenwirkungsrate zur Impfung raten, wenn die Eltern selbst ein gutes
Gefühl dabei haben.
Das Parlament: Müssen Kinder mit anderen Nebenwirkungen rechnen als Erwachsene?
Jörg
Dötsch: Im Prinzip nein. Wir wissen, dass die Herzmuskelentzündung die
gravierendste Nebenwirkung einer Corona-Impfung sein kann. Sie tritt
häufiger bei Jungen als bei Mädchen auf und ist bei jugendlichen Jungen
zehn Mal häufiger als bei Kindern. Aber auch bei den jugendlichen Jungen
ist sie mit etwa 50 Fällen auf eine Million Impfungen eine seltene
Nebenwirkung, die zum Glück nach bisherigen Erfahrungen immer wieder
komplett ausheilt.
Das Parlament: Welchen Unterschied macht es für das Impfrisiko, ob ein Kind zwei Jahre alt ist, acht oder zwölf?
Jörg
Dötsch: Kinder haben in ihren Entwicklungsphasen sowohl ein
unterschiedliches Immunsystem als auch eine unterschiedliche
Verstoffwechselung von Medikamenten. Deswegen lassen sich die Ergebnisse
für eine Altersgruppe nicht auf eine andere übertragen. Wir haben das
in der Vergangenheit auch bei Antibiotika gesehen, wenn Ergebnisse von
älteren Gruppen auf jüngere Kinder übertragen wurden, kam es teilweise
zu gravierenden, sogar tödlichen Nebenwirkungen. Deswegen ist ein für
jede Altersgruppe spezifisches Nebenwirkungsprofil so wichtig. Da gibt
es große Unterschiede.
Das Parlament: Erwogen wird eine allgemeine Impfpflicht gegen Corona. Wie stehen Sie dazu?
Jörg
Dötsch: Aus Sicht der Kinder- und Jugendmedizin ergibt sich zumindest
kein Argument für eine Impfpflicht in dieser Altersgruppe. Als
Erwachsene müssen wir in erster Linie die Kinder schützen, nicht die
Kinder uns. Zum anderen haben infizierte Kinder in der Regel keine
schweren oder gar tödlichen Verläufe. Es gibt also keinen Grund, Kinder
und Jugendliche verpflichtend zu impfen.
Das Parlament: Mit einer allgemeinen Corona-Impfpflicht für Erwachsene könnten Sie aber leben?
Jörg
Dötsch: Als Arzt würde ich mir natürlich wünschen, Menschen zu
überzeugen, etwas zu tun, das zum Schutz insbesondere vulnerabler
Gruppen in der Gesellschaft nötig ist. Es wäre auch sehr schön, wenn wir
alle erkennen würden, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten, um die
Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Wenn es aber keinen anderen
Weg gibt, um die Pandemie zu beenden und damit auch unsere Freiheit
wiederzugewinnen, kann ich die Überlegung zu einer allgemeinen
Impfpflicht gut nachvollziehen.
Das Parlament: Diskutiert
wird auch über eine Impfplicht für ältere Menschen. Ist das Risiko für
vulnerable Ältere immer größer als für vulnerable Jüngere?
Jörg
Dötsch: Ja, das kann man sicher so sagen. Vulnerable Ältere haben ein
deutlich erhöhtes Risiko im Vergleich zu jüngeren Menschen. Das
Immunsystem von Kindern ist stärker zur Virusabwehr fähig, selbst wenn
sie Vorerkrankungen haben. Bei den älteren Menschen kommen
Vorerkrankungen und das gealterte Immunsystem zusammen. Bei ihnen ist
das Risiko für schwere Verläufe deutlich erhöht.
Das Parlament: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn Sie mit Eltern über Corona-Impfungen sprechen?
Jörg
Dötsch: Die meisten Eltern wollen vor allem ihre Kinder schützen und
das Richtige tun. Es wird sehr deutlich, dass Eltern ausreichend Zeit
und Informationen brauchen, um sich für eine Impfung ihrer Kinder zu
entscheiden. Wir sollten den Eltern deswegen sehr ehrlich begegnen und
sie über die möglichen Nebenwirkungen, seien sie auch noch so selten,
aufklären. Wir müssen ihnen den Freiraum für eine fundierte Entscheidung
lassen. Wenn Eltern auf diese Weise nicht unter Druck gesetzt werden,
kann mehr erreicht werden, weil weniger Misstrauen entsteht.
Das Parlament: Gibt es noch Eltern, die ihre Kinder gar nicht impfen lassen?
Jörg
Dötsch: Ja, das gibt es immer noch. Bei Eltern mit bestimmten
Weltanschauungen halten sich Überzeugungen, dass es für die Kinder
wichtig sei, Infektionen durchzumachen. Das wird als Auseinandersetzung
mit der Natur verstanden. Das Natürliche hat für die Eltern eine
besondere Bedeutung. Manchen Eltern bereitet auch die aktive
Entscheidung für ein Kind Schwierigkeiten im Vergleich zu einer
Erkrankung, die passiv erduldet wird. Es ist wichtig, diese Eltern
anzuhören und ihnen nicht vorzuwerfen, sie seien an der Gesundheit ihrer
Kinder nicht interessiert. Es hat keinen Sinn, mit Eltern in eine
Konfrontation zu gehen, eine Vertrauensbasis ist besser.
Das Parlament: Wie gehen Sie im Impfskeptikern oder Corona-Leugnern um?
Jörg
Dötsch: Ich habe kein Verständnis für Corona-Leugner und Extremisten,
die auf Demonstrationen ihre demokratiefeindlichen Ziele durchsetzen
wollen. Wichtig ist, aus dieser Situation langfristige Schlüsse zu
ziehen. Sinnvoll wäre beispielsweise ein Gesundheitsunterricht an
Schulen, ein Unterricht zur gesunden Entwicklung des Menschen. Wir
sollten versuchen, viel stärker als bisher Kindern einen Zugang zu
wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich der eigenen Gesundheit zu
ermöglichen, um sie auf den richtigen Weg zu bringen. Diese
frühkindliche Aufklärung müsste alle Schultypen umfassen. Kinder sollten
früh lernen, dass die Wissenschaft sie nicht mit falschen Nachrichten
versorgt.
Das Parlament: Wie groß ist Ihre Sorge vor einer andauernden Pandemie?
Jörg
Dötsch: Das Virus überrascht uns immer wieder, weil es sich
kontinuierlich verändert. Es ist denkbar, dass sich neue Varianten
ergeben, die gefährlicher sind. Deswegen müssen sich möglichst viele
Menschen impfen lassen und dem Virus die Chance nehmen, neue Mutanten zu
bilden.
Das Gespräch führte Claus Peter Kosfeld
Professor
Dr. Jörg Dötsch ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an
der Uniklinik Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder-
und Jugendmedizin. Er ist zugleich Mitglied im Corona-Expertenrat der
Bundesregierung.