Donnerstag, 6. Juni 2013

Gedenkschau Lothar Rechtacek

Wiederholt hatte mich Lothar Rechtacek nach Holbach eingeladen, um ihn in seinem Wirkungsbereich als Künstler, aber auch als Hundezüchter zu besuchen. Letzteres vor allem, seitdem ich ihn erzählte, dass meine jüngste Tochter zwar eine völlig andere Rasse – nämlich Neufundländer – züchtet, die sich aber wohl in ihrer
Statur und Stärke gegenüber den Doggen des Lothar Rechtacek nicht viel nachgeben. Ich schob die Einladung immer wieder hinaus, und nun bleibt mir nur, seine Werke in der Gedenkausstellung zu seinem 70. Geburtstag in der Galerie der Kreissparkasse Nordhausen zu betrachten. Und heute die „Werkschau – Lothar Rechtacek und Familie“ zu besuchen, um in dieser Form seiner zu gedenken. Ich habe ihn außerordentlich geschätzt.

Am Dienstag besuchte ich bereits die Vernissage der Ausstellung in der Galerie der Kreissparkasse und war – ich gebe es zu – überrascht von der großen Zahl an Aktbildern. Nun
halte ich mich ja nicht für prüde, aber diese bemerkenswerte Freizügigkeit oder auch „verführerische“ Stellungen einzelner seiner weiblichen Modelle machten mich erst einmal betroffen. Als ich die dann aber überwunden hatte, fiel es mir nicht schwer, sie als Teil der Ausstellung zu sehen und sie – wie auch sonst alle Bilder und Skulpturen - nach den verwendeten Materialien und Farben, Techniken und natürlich ihrer künstlerischen Inspiration und Ausdruckskraft zu betrachten. Das aber mehr bei einem anschließenden neuerlichen Besuch der Galerie, während dem ich das künstlerische Werk Lothar Rechtaceks auf mich wirken lassen konnte. Während ja die Vernissage mehr ein gesellschaftliches Ereignis darstellt, in der den Gästen Leben und Wirken dieses doch höchst bemerkenswerten Künstlers noch einmal
nahe gebracht wurde.

Und das tat zunächst nach dem musikalischen Ouvre durch das Trio Contrabass Wolfgang Asche, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Nordhausen, der es immer wieder gekonnt, also sachkundig, versteht, den jeweils ausstellenden Künstler und dessen Werke vorzustellen. Er dankte sogleich nach der Begrüßung der Gäste, unter denen sich auch OB Dr. Klaus Zeh mit seiner Frau und die Beigeordnete Hannelore Haase befanden, Lothar Rechtaceks Witwe Elke, Sohn Wulf und einer Familie Fischer für ihr Engagement zur Gestaltung der Ausstellung. Und dem Künstler Jürgen Rennebach für deren Planung und seine zu erwartende Laudatio. Gleichzeitig stellte er das Trio Contrabass mit Martina
Zimmermann, Stefan Blum und Stephan Messmer vor, denen auch die weitere musikalische Gestaltung des Geschehens oblag. Und irgendwie passten die Musikstücke, die sie ausgewählt hatten – darunter sogar ein Walzer – recht gut zur Persönlichkeit Rechtaceks. Mit der Ausstellung, so betonte Asche, wird ein Überblick durch alle Schaffensperioden Rechtaceks gezeigt, alle Techniken denen sich der Künstler bediente und seine Plastiken, die hohes handwerkliches Können offenbaren. Seine Lieblingsmotive waren der weibliche Körper, hob Asche hervor, und auch die Tierdarstellung. Wobei die gegenständliche Darstellung Natürlichkeit und Ästhetik noch am besten zur Geltung kommen lässt. Seine Kunst, so Asche, ist direkt und ehrlich. Landschaften gehörten dagegen kaum zu seinen Motiven und kommen auch in der Ausstellung kaum vor. Asche erwähnte aber auch die Mystik in der Kunst Rechtaceks, deren Beschreibung er allerdings Jürgen Rennebach überließ, der nach ihm und einem musikalischen Zwischenspiel die Laudatio hielt.

Und der Leiter der Jugendkunstschule, in der ja Lothar Rechtacek auch über Jahre wirkte, schilderte zunächst den Lebenslauf seines im Januar verstorbenen Künstlerkollegen. Danach wurde Rechtacek 1943 in Teplitz-Schönau, dem heutigen Teplice, in Tschechien geboren. 1945 mussten seine Eltern mit ihm und seiner älteren Schwester Tschechien für immer verlassen. Als Folge des Faschismus und nach dem Ende des II. Weltkrieges wurde die deutschböhmische Bevölkerungsmehrheit bekanntlich entschädigungslos enteignet und aus der angestammten Heimat ausgewiesen. Mit Koffern, Säcken und einem Handwagen verschlägt es die Familie nach Niedersachswerfen bei Nordhausen, führte Rennebach in seiner Laudatio aus und schloss mit dem Bemerken: „Hier findet Lothar viele Freunde, geht zur Schule und hinterlässt unauslöschliche Eindrücke bei der Dorfjugend.“
Diese letzte Darstellungspassage aber kann so kommentarlos nicht einfach stehen bleiben. Denn es mag zwar sein, dass der junge Lothar mit der Zeit in seiner neuen Heimat Freunde fand, aber so ganz einfach war die Aufnahme und Integration der Vertriebenen und damit der Familie Rechtacek in Niedersachwerfen nicht, weiß zum Beispiel Erika Hesse aus Niedersachswerfen zu berichten. Selbst Vertriebene und Schulkameradin Lothar Rechtaceks. hat sie sich stets um ihre SchicksalsgenossInnen verdient gemacht. Obwohl es ja jungen Menschen damals leichter gefallen sein mag, in der ihnen zugewiesenen neuen Heimat Fuß zu fassen. Sie war es ja wohl auch, die sich engagiert für das von dem Künstler Rechtacek gestaltete Denkmal der Mutter mit ihren Kindern einsetzte, das an die Vertreibung erinnert und vor einigen Jahren in Niedersachswerfen eingeweiht werden konnte. Und auch das scheint mir der Erwähnung wert.

Rennebach also ließ zunächst das Leben Rechtaceks mit dessen Ausbildung und Wirken vor allem in Berlin Revue passieren, schilderte den Künstler als geradlinig, offen, aber auch kritisch in seinen Kreisen. Zu den „Modernen“ gehörte Lothar Rechtacek nie, ließ Rennebach wissen. „Sein Ziel war es niemals, mit einem derartigen Namen gekennzeichnet zu werden. Er konnte nicht, um modern zu sein, seine Überzeugung ändern – nur um eine Bezeichnung zu verdienen, von der man nicht wusste, ob sie erstrebenswert sei,“ führte Rennebach dazu aus.

Interessant mag hier – neben seinem künstlerischen Schaffen – noch einmal auch sein Ruf als Züchter von Doggen erwähnt sein, zu dem er unversehens kam, nachdem ein schwarzer Doggenrüde, der getötet werden sollte einstens bei Elke und Lothar Rechtacek in Holbach Zuflucht fand. Und dadurch bei ihnen die Lust an der Hundezucht erwachte. Interessant auch deshalb, weil sich unter den Gästen der Vernissage mit Wolfgang Gierk auch ein Rechtsanwalt aus dem Altenburger Land (Starkenberg) befand, der die Rechtaceks wegen ihrer Doggen kannte und extra zu dieser Ausstellung angereist war, um dem Züchter posthum damit Reverenz zu erweisen.

„Rechtacek ist eine Kraftnatur, ein Draufgänger“, führte Rennebach weiter aus. „Selten sieht man ihn vorzeichnen. Auf der Leinwand beginnt er sofort mit frischen kräftigen Pinselhieben einen Akt hinzuhauen. Er malt unmittelbar mit nasser Farbe auf die Leinwand. Und die Farbe verleugnet nie den Koloristen. Kommen andere Maler feiner daher, so ist Rechtacek unmittelbar und direkt. . . Viele seiner Modelle, die weiblichen, tragen in den Sitzungen Rot im Gesicht. Egal, ob für ein Bild oder eine Plastik. Schlachtreifer Speck! Sie wiegen sich vor seinen lüsternen Augen. „Dem Maler-Metzger!“ Immer feiert er den weiblichen Körper, mal als Hure, mal als Göttin, mal als Kindfrau, mal als Vollweib. Ausnahmslos als Femme fatale. Die Frau, das Weib, ist ihm zeitlebens stärkste Inspiration und Schaffensquelle. Eine nackte Schulter, eine ausladende Hüfte oder ein runder Hintern fordern seine Einbildungskraft ganz „automatisch“ heraus“, so Rennebach. „Fleischliche Wirklichkeit setzt Rechtacek in Sinnlichkeit der Farben um. Laszive Eindrücke stehen im Ergebnis. Er arbeitet wahnsinnig schnell, mit Modell oder auch ohne. Mit seinen breiten, kräftigen Händen modelliert er äußerst geschickt in Wachs und Gips. Pinsel und Stift setzt er traumwandlerisch sicher auf Leinwand und Papier. Es war eine Freude, ihm dabei zuzuschauen.

Die direkte Anschauung der Frauenkörper gönnt er sich bei der Arbeit, zwingend braucht er sie jedoch nicht, so sehr ist er mit der menschlichen Anatomie und ebenso der tierischen vertraut.
Im Gegensatz zu Portraits und Akten entstehen Stilleben- und Landschaftsbilder nur selten. „Ich bin kein Landschafter“, zitiert ihn Rennebach.
Mythologische Themen treten als weitere grundlegende Bildinhalte zu Liebe und Sexualität hinzu. Rechtacek ist Kenner der antiken griechischen Mythen mit ihren Heroen, genauso wie der römischen Götter. Doch die germanische Schöpfungsmythologie hat es ihm am meisten angetan. Da geistern Nornen und geheimnisvolle Runenzeichen auf den Leinwänden umher. Ein Gemälde zeigt den behelmten, mit einer Lanze bewehrten Wotan und seinen ständigen Begleitern, den Rabenbrüdern Hugin und Munin auf seinen Schultern. Fast möchte man meinen, es ist der Künstler selbst, nur Wotans Bart ist länger.

In seinen plastischen Bildwerken versucht er konsequent, durch Verkürzungen und Überschneidungen Räumlichkeit und Bewegung darzustellen. Er hat eine Vorliebe für Detailtreue und Überschaubarkeit. Ein kontinuierlicher Fluss der Umrisse und deutliche Zusammenhänge der Körperformen lassen eine klare Ordnung entstehen. Arbeiten am Stein ist für ihn das Schwingen zwischen Hinwendung und Distanz. Bauch und Kopf entscheiden darüber, welche Form zur anderen gehört. Konkav zu konvex. Auch der Stein verrät es ihm, selbst wenn der sich nicht nach Belieben formen und verändern lässt. Er will aus ihm befreien, was in ihm steckt! Dabei verzichtet Rechtacek auf Maschinen. Er muss den Hieb wiedererkennen im wechselnden Licht, wo er den Stahl angesetzt hat.

Das ist was anderes mit Ton, Gips und gegossenen Kunststein. Die dulden einen Schöpfer über sich. . .

Viele neue Werke schwebten Rechtacek noch vor, selbst vom Krankenbett aus machte er große Pläne. Im Kopf waren die Ideen bereits fest umrissen. Aufgestapelter Ehrgeiz. Bis zum Ende war er da euphorisch. Gut so!
Wie stellt man einen Mann als Hahn mit gezwirbelten Bart dar?
Nun werden wir nicht mehr erfahren, wie die Portraitbüsten seiner Künstlerkollegen Form und Aussage in Einklang gebracht hätten.

Rechtacek ist früh gegangen. Er hat sein Leben gelebt, wie er es selbst sagte. Es war ein erfülltes, reiches Leben. Mit ihm ist eine Persönlichkeit und Respektsperson verbunden. Er war eine Autorität, er war ein Mann, von dem sich viele Menschen gern an die Hand nehmen ließen. Er war wichtig und prägend, nicht zuletzt für ungezählte dankbare Schüler der Jugendkunstschule Nordhausen. Als Gründungsmitglied dieser Kultureinrichtung und langjähriger Dozent übertrug er ungezählten jungen und auch älteren Menschen seine Begeisterung am Kunstmachen.

So erhielten viele Mädchen und Jungen zudem das Rüstzeug für eine erfolgreiche Ausbildung oder ein künstlerisches Studium. Um es mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry auszudrücken: Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Der Mensch Lothar Rechtacek war allzeit authentisch und hatte ein großes Herz. Er war immer ehrlich, zu sich selbst und jedem anderen gegenüber. Ein ungewöhnlicher Mann. Lothar imponierte mit seiner Vielseitigkeit, mit seiner Universalität. Er war sehr breit angelegt!

Stellung hat er immer bezogen und beziehen lassen. Mitunter war dies unbequem. Für ihn oder andere und da sind nicht nur seine Künstlermodelle gemeint.

Soweit also die Laudatio Jürgen Rennebachs. Das Trio Contrabass beendete den offiziellen Teil der Vernissage, der mit einem Büffet seine aufgelockerte Fortsetzung fand, die die Betrachtung der Werke des Künstlers und Gespräche darüber leicht fallen ließen.

Und heute also die schon erwähnte „Werkschau – Lothar Rechtacek und Familie“ um 19.00 Uhr im Kunsthaus Meyenburg. Die dortige Laudatio wird die Leiterin des Kunsthauses, Kunsthistorikerin Susanne Hinsching halten. Ich bin gespannt.


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