Donnerstag, 28. Juli 2022

 1. Südharz: Züge fallen aus – oder auch nicht (Stand: 27.07.2022)

2. Update zur Nordharz-Katastrophe: Wieder Züge zwischen Goslar und Wernigerode (Stand: 27.07.2022)

Hallo liebe Eisenbahn-, ÖPNV- und SPNV-Interessierte!

1. Südharz: Züge fallen aus – oder auch nicht (Stand: 27.07.2022)
Die Deutsche Bahn ist immer wieder für Überraschungen gut. Wenn man glaubt, man habe da in Sachen Unfähigkeit, fehlender Flexibilität, bornierter Pressestellen und so weiter schon alles durch, kommt doch noch etwas Neues. Warum Böhmermann & Co immer so weit herumsuchen, um Stoff für ihre Satiren zu finden, ist mir ein Rätsel.

Seit einigen Tagen habe ich es mir angewöhnt, ob der zunehmenden Zugausfälle wegen Krankheit nach dem Aufstehen und vor dem Kaffee kochen erst mal im Navigator nachzusehen, wie es denn so läuft auf den Südharzer Schienen. Ob man jemanden warnen muss, weil etwas ausfällt, zum Beispiel. „Reparatur am Zug“ war zuletzt eine gern genommene Ausrede. Die kannte ich noch nicht.

Wie auch immer, heute früh fuhr mir dann doch der Schreck in die Knochen. Jeder zweite Zug zwischen Northeim und Nordhausen war mit „fällt aus“ markiert, ebenso in der Gegenrichtung. Das hatten wir zuletzt beim Weselsky-Streik im Sommer 2021. Wie kann das denn sein, über Nacht so viele Kranke? Dass zwischen Bodenfelde und Northeim mal wieder Schicht im Schacht war, überraschte da nicht wirklich. Die Dimension der anderen Ausfälle aber schon.

Näheres Hinschauen ließ Zweifel aufkommen – am Navigator oder jenen, die ihn bedienen. War früher bei uns im Rechenzentrum zu IBM 370-Zeiten eine beliebte Begründung: Computerfehler! Natürlich hatten wir etwas verbockt, der Computer an sich ist dumm und führt exakt das aus, was man eingibt. Also: Navigatorfehler? Immerhin würden im Vertrauen auf die Meldungen ja dutzende von Kunden fluchend das Weite suchen, und was der Navigator anzeigt, tut ja auch der Streckenagent und das tun auch die schönen kleinen Anzeigegeräte auf den vom Bahnpersonal geräumten Stationen. „Zug fällt aus“. Aber: Wieso in beiden Richtungen immer die RB81? Das ging eigentlich gar nicht, da die in Nordhausen ankommenden RB80 immer auf die RB81 wenden und umgekehrt. Das würde ja bedeuten, dass jeder Zug in Nordhausen eine Stunde herumsteht!

Am Telefon einige sinnlose Versuche, bei der Bahn irgendwen zu erreichen. Einen, der sich im Urlaub befindet, habe ich dann doch bekommen, und der hat sich trotz Urlaub auch gekümmert. Aber da waren die ersten drei Stunden schon rum. Also runter zum Bahnhof, der ist ja bei uns noch besetzt und der Fahrdienstleiter kennt mich aus vielen Kämpfen ums Kundenwohl. Natürlich würden die Züge fahren, aber das hätte er so auch noch nicht gesehen: Oben läuft durch „Zug fällt aus“, und darunter steht er und fährt gleich weiter. Heute früh habe er einige bereits wieder das Weite suchende Fahrgäste zurück gewunken: Ey, der Zug kommt doch! Wohl dem, der noch eine besetzte Station hat! Anderswo, also im Grunde an der Südharzstrecke überall, waren die Kunden nicht so gut dran. Es ist ja keiner mehr da, und wenn der Computer dann Mist anzeigt…

Ein Eingabefehler, ein Übermittlungsfehler, was weiß ich. Irgendjemand hat, wieder mal, Züge zwischen Bodenfelde und Northeim gestrichen, daraus wurde „die RB81 fällt aus“ und daraus wiederum das Informationschaos des heutigen Vormittags. Irgendwann haben sie es dann gemerkt und den Navigator wieder in Ordnung gebracht.

Aber das Erlebte ist typisch für die Deutsche Bahn heute. Keiner fühlt sich wirklich verantwortlich, jeder wurschtelt in seiner Nische herum, Bock hat keiner und ob der völligen Verarmung des Wissens über Züge und ihre Eigenschaften blickt auch keiner mehr so richtig durch. Hinzu kommt die totale Gläubigkeit an den Computer, an „das Netz“: Was da drinsteht, muss doch stimmen. Tut es aber nur dann, wenn der Eingebende weiß, was er macht. Und von dieser Sorte Mitarbeiter gibt es bei der DB leider immer weniger. Und die, die es noch gibt, müssen ob dieser geballten Ladung Unfähig- und Lustlosigkeit resignieren. Oder haben es schon. Und oben sitzen die satt verdienenden Manager, ab und an ja auch abgewählte Politiker mit Versorgungshintergrund, und denken sich mit Hilfe von auch gut bezahlten, des Bahnbetriebs aber vollkommen ungewohnten Kommunikationsmanagern immer neue schicke Programme aus wie „Starke Schiene“. Wie hieß es doch 1989: „Stasi in die Produktion“. 2022 kann man da nur sagen: Schickt die ganzen Sesselgrößen an die tägliche Bahnfront, lasst sie einen Tag auf dem Bahnhof Northeim oder Kreiensen die Kunden beruhigen. Wenn sie dann noch Lust haben, sich wieder ein neues schickes Motto auszudenken, wie wäre es mit „Wir fahren immer“ oder „Wir fahren bei jedem Wetter“?

Ach so, das stimmt ja auch nicht mehr.
Michael Reinboth

2. Update zur Nordharz-Katastrophe: Wieder Züge zwischen Goslar und Wernigerode (Stand: 27.07.2022)
Dem eigentlichen Update für die Reisemöglichkeiten sei eine Aufklärung vorangestellt. Nicht oder nicht nur die Hitze macht den Gleisen zu schaffen, sondern die DB Netz hat offenbar – Qualitätskontrolle hin, Qualitätskontrolle her – wieder einmal so billige und schlechte Betonschwellen beschafft, dass diese auch ohne Sonne und einfach so zerbröseln.
Alte Reichsbahn-Kunden erinnern sich dunkel – da war doch mal was mit Alkali-Schwellen? Richtig, und exakt denselben Murks hat man bei DB Netz nun wieder fabriziert. Oder fabrizieren lassen. Vermutlich waren die Schwellen sehr preiswert, und man konnte einen höheren Gewinn an den Vorstand abführen, mehr Boni kassieren und ansonsten alles der Phantasie der auf den Gleisen herumfahrenden EVU überlassen.

Wie auch immer, kaputt ist kaputt, und das gute alte Langsamfahren kommt anscheinend auch aus der Mode. Zwar wird es im zentralen Pressetext der DB und dem der Pressestelle Leipzig noch erwähnt, aber am Nordharz in keinem einzigen Fall praktiziert. Macht vermutlich Arbeit, Schilder aufstellen und immer mal gucken und so. Da ist es doch spürbar preiswerter, gleich eine Sperrtafel einzurammen. Kunde? Wieso Kunde?

Bis Mitte August soll der unwürdige Zustand dem Vernehmen nach andauern. Das dürfte, wer die DB Netz in all ihrer Unfähigkeit kennengelernt hat, stark untertrieben sein, und den „Hochdruck“, mit dem man vorgeblich tätig sei, den gibt es nur im Kaffeeautomaten der Pressestellen.

Nostalgie-Zug pendelt zwischen Goslar und Wernigerode

Aber nun zum Positiven. Zwischen Goslar und Wernigerode rollen sie wieder, die Züge. Wohl auch, um eine Abschaltung der Walzstraßen in Ilsenburg zu vermeiden. Aber eben auch, man höre und staune, für Fahrgäste! Wie dieses?

Nun, Abellio oder die NASA waren so vorausschauend und haben wegen des 9-Euro-Tickets und des zu erwartenden Andrangs einen guten alten Wendezug von privater Seite angemietet, einen richtigen Zug eben, mit einer 218 davor und drei zwar nicht wirklich barrierefreien, aber stabilen und mit zu öffnenden Fenstern (!) versehenen Waggons, unverwüstlich und mit einer Technik ausgestattet, die allem standhält.
Dieser Zug befand sich zum Zeitpunkt der überhastet und ohne Sinn und Verstand ausgesprochenen Sperrung auf der richtigen, der Goslarer Seite der Strecke, die – vorerst jedenfalls – von den Sperrungen nicht betroffen ist. Und so kann unser Nostalgie-Express nun pünktlich im 2-Stunden-Takt seine Runden zwischen Goslar und Wernigerode drehen.
Allerdings nur bis gegen 20 Uhr, die Dienstzeit des Personals ist ja auch da bestimmten Auflagen unterlegen. Aber er fährt und beschert wenigstens Wernigerode und Ilsenburg ein sogar fahrradgerechtes Rumpfangebot.

Warum es Abellio nicht zuwege bringt, einen Triebwagen auf die Goslarer Seite zu schaffen, um den Stundentakt zu komplettieren, bleibt ein Rätsel – man muss ihn ja nicht tragen, sondern kann ihn über Magdeburg (Streckenkenntnis vorhanden) – Braunschweig nach Goslar überführen. Einen Lotsen für das dem Abellio-Personal unbekannte Terrain würde man wohl finden können.

Jenseits von Wernigerode bleibt es dunkel. Abellio bemüht sich um einen halbwegs adäquaten SEV, der nun auch nach und nach anläuft, aber von den Fahrzeiten her naturgemäß keinerlei Vergleich erlaubt. Alles, was nicht am Harzrand entlang muss, sollte es über Braunschweig, Magdeburg und Halle versuchen.
Ausgerechnet wir müssen den Leuten nun raten: Meidet den Harz! Schlimmer geht es nicht mehr.
Michael Reinboth

Viele Grüße

 

Burkhard Breme

Initiative "Höchste Eisenbahn für den Südharz"

Silkeroder Str. 14 b

37431 Bad Lauterberg

 

Telefon: (0 55 24) 93 11 73
Handy: (01 60) 7 53 35 58
E-Mail: burkhard.breme@suedharzstrecke.de
Internet: http://www.suedharzstrecke.de

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