Sonntag, 9. Juni 2013

Erst mal vorgefühlt

Seit geraumer Zeit bin ich u.a. im Verteiler der „galerie-in-der-burg“ von Großbodungen gelistet und weiß also seitdem „aus erster Hand“ um die in der Burg oder auch der Kemenate stattfindenden Ausstellungen, Lesungen, Vorträge und Veranstaltungen. Und vermag zumindest teilweise einzuschätzen, auf welch ansprechenden bis hohem Niveau sich das Gebotene bewegt. Die Burg hat sich mit diesem selbst gesetztem Anspruch einen Platz in Kultur und Kunst in der Region geschaffen, der sie in die erste Reihe der Anbieter dieses Genres gebracht hat.

Mein Problem angesichts dieser Angebote war und ist es, dass ich für mich keine Möglichkeit sehe, diese Angebote für mich zu nutzen. Also an Vorträge teilzunehmen oder Vernissagen zu besuchen. Vielleicht eine leichtfertige und vorschnelle Annahme, der ich nun nach der jüngsten Ankündigung, nämlich der Ausstellung „Inspiration Barock - Kunst aus Natur“
des Olaf Frenzel (Ichtershausen), auf den Grund gehen wollte. Und das schon deshalb, weil mich allein die Vorschau zu dieser Ausstellung, die morgen (Sonntag) um 17.00 Uhr eröffnet wird, an die Kunst eines Carl Peter Fabergé erinnert. Von der ich dauerhaft beeindruckt bin, seit ich sie als Ausstellungsstücke in der einen und anderen Ausstellung kennenlernte. Und zu der Ausstellung des Olaf Frenzel in der Galerie lese ich im Flyer dazu u.a.: „Hier jedoch ist die Möglichkeit, sich dem Glanz der Kunstfertigkeit vergangener Zeiten zu widmen. Im Stil des 16. - 18. Jahrhunderts nur mit Materialien gefertigt, die auch damals zur Verfügung standen, entstehen Kunstwerke neu...“

Ich nutzte also heute Mittag von Nordhausen aus die Omnibuslinie 27 und war eine Stunde später in Großbodungen. Um dort einen historischen Teil dieses Ortes kennen zu lernen, der mich überraschte. Um aber auch festzustellen, dass Ausstellungen und sonstige Veranstaltungen nicht mehr in
der Galerie in der Burg selbst stattfinden, sondern in der etwa 200 Meter entfernten, ursprünglich zur Burg gehörenden „historischen Kemenate“. Einem Fachwerkbau aus dem 17. Jahrhundert. In der gerade die morgen beginnende „Frenzel“-Ausstellung eingerichtet wurde. Ich hatte deshalb nur Gelegenheit, den Außenbereich des „Café in der Kemenate“ und dieses selbst, samt dem dort ausgeschenkten Kaffee kennen zu lernen. Beides fand und finde ich samt der sehr aufmerksamen Bedienung so ausgezeichnet, dass ich es auch außerhalb von Veranstaltungen immer besuchenswert finde. Um letztlich aber bestätigt zu finden, das ich – auf die Omnibuslinie 27 angewiesen – weder an einer Vortragsveranstaltung, noch an einer Vernissage teilnehmen kann. Wohl aber doch Ausstellungen in deren weiterem Verlauf besuchen kann. Und das werde ich alsbald tun. Soweit ich allerdings den Besuch der jeweiligen Ausstellung zeitlich mit denen des Öffentlichen Nahverkehrs in Einklang bringen kann. Ich werde also zu überlegen haben, inwieweit die
Qualität einer Ausstellung dann etwa entstehende Wartezeiten rechtfertigt. (Gestern betrug sie zur Rückfahrt mehr als zwei Stunden an einem Bahnhof als Abfahrtsort, den man ansieht, dass ihn der letzte Zug im Jahre 2008 verließ ). Das könnte die Zukunft zeigen. Die nächste Veranstaltung nach der morgen beginnenden ist nach dem Jahresprogramm der „Tag der Rose“ am 30.06. von 11.00 bis 18.00 Uhr mit Rosenschau und einem Fachvortrag gleich um 11.00 Uhr. Ab 14.00 Uhr steht ein Live-Konzert mit „Balladen und Duette“ auf dem Programm. Es könnte auch das in seiner Art eine aufschlussreiche Veranstaltung „mit zahlreichen Ausstellern rund um die schönen Dinge des Gartens“ werden.

Davon abgesehen aber wird erst einmal morgen (Sonntag) um 17.00 Uhr Dr. Gerlinde von Westphalen die
Gäste der Vernissage begrüßen und soll der Geschäftsführer der Eichsfeldwerke (Sponsor der Ausstellung), Dipl. Ing. Ulrich Gabel Grußworte sprechen, dessen Zusage allerdings zum Zeitpunkt des ausgedruckten Programms noch ausstand. Die musikalische Begleitung werden Schülerinnen der Eichsfelder Musikschule unter der Leitung von Karin Dornbach offerieren. Ich bedauere, nicht teilnehmen zu können.

Samstag, 8. Juni 2013

Rechtacek: Nichts von Bedeutung soll vergessen sein

Zwei Ausstellungen zum Gedenken an Lothar Rechtacek habe ich in dieser Woche besucht. Und durch die Laudatien sowohl in der Kreissparkasse Nordhausen viel über dem Künstler erfahren, von dem ich bis dahin nichts oder nur wenig wusste. Es gab dabei Überschneidungen in den Ausführungen der Kunsthistorikerin Susanne Hinsching im Kunsthaus gegenüber der Laudatio des Künstlers Jürgen Rennebach zuvor in der Vernissage in der Kreissparkasse, die sich aber eher ergänzten.

Zwei Tatsachen oder Umstände fielen mir dabei besonders auf: einmal der Hinweis Susanne Hinschings auf die von Rechtacek zu DDR-Zeiten geschaffene und gestaltete Gedenksäule aus Beton gegenüber den Restaurant „Rosengarten“ in NDH-Nord. Von der die Kunsthistorikerin meinte, dass sie die meisten Nordhäuser kennen würden. Wahrscheinlich ist das so. Das Wissen aber, dass sie von Lothar Rechtacek geschaffen wurde, und vor allem, für was sie steht, scheint mir nicht so sicher. Im allgemeinen wird ja wohl angenommen, sie sei dem Todesmarsch der KZ-Häftlinge im Jahre 1945 gewidmet. Dafür aber steht doch ganz sicher die Gedenktafel etwa 50 Meter weiter vor dem großen SWG-Wohnblock!? Ich finde es gut, dass Susanne Hinsching auf diese von Rechtacek gestaltete Gedenksäule aufmerksam machte und will mich nun kundig machen, wem sie wirklich gewidmet ist.

Ein anderes, von Rechtacek geschaffenes Denkmal allerdings wurde in keiner der Laudatien erwähnt:das den Müttern anlässlich der Vertreibung aus der Heimat im Osten gewidmete Denkmal in Niedersachswerfen. Erika Hesse aus NSW machte mich während der Vernissage in der Kreissparkasse darauf aufmerksam. Und so suchte ich es tags darauf auf und war nicht nur von der Figur der Mutter mit Kind angetan, sondern auch von dem Blumenschmuck vor dem Denkmal. Von dem mir Erika Hesse schon erzählt hatte, dass es eine Frau in NSW gibt, die sich um stets frischen Blumenschmuck kümmert. Und ich denke, auch an dieses Denkmal sollte erinnert werden, das gleichermaßen auch an Lothar Rechtacek erinnert, der es schuf.


Keine Abstimmung möglich?

 „Erfrischender Emmerlich“ lautete eine Pressemitteilung der Fachhochschule Nordhausen vom 08.01.2013(?), die ich am 07.06.2013 erhielt, mit der von einer Veranstaltung mit Gunther Emmerlich berichtet wird, die am 04.06.2013 im Audimax der Fachhochschule stattfand. Sehe ich von dieser kleinen Ungereimtheit ab, bleibt mir festzustellen, dass meines Wissens weder die Printzeitung, noch die Internetzeitung von dieser Veranstaltung berichtete. Und das finde ich schon recht verwunderlich, nachdem doch die Medien bei jeder (ihnen passender) Gelegenheit von „Informationspflicht der Medien“ reden. Und
es sich doch bei Emmerlich um einen bekannten Mann (Opernsänger und Entertainer) handelt, der eigentlich überall nach wie vor hoch im Kurs steht. Und würde jetzt die Fachhochschule selbst nicht mit dieser Pressemitteilung – zwar recht knapp, aber immerhin informierend – über diese Veranstaltung in der „Impulse-Reihe“ berichtet haben, wüsste man nicht einmal, ob sie überhaupt stattgefunden hat.
In dieser Mitteilung also hieß es:
Nordhausen (FHPN) "Mit der DDR ging  eine besondere Freude unter: Die Freude darüber, etwas erhalten zu haben, was es gar nicht gab". Mit Zitaten wie diesen offenbarte Gunther Emmerlich im Audimax der Fachhochschule Nordhausen einen tiefgründigen, aber nicht unkritischen Humor.

Der bekannte Opersänger, Entertainer und Fernsehmoderator Gunther Emmerlich  las aus seinem Buch "Zugabe" und begeisterte zwischen den Leseproben das Publikum mit Gesangseinlagen. Dabei entführte er die zahlreichen Gäste auf einen Streifzug durch Ost und West, durch Politik und Geschichte, durch Kunst und Kultur. Der Funke des Künstlers sprang sofort auf das Nordhäuser Publikum über und die Gäste quittierten den Charme des Entertainers mit viel Applaus. Emmerlich, der neben seiner musikalischen Ausbildung an der Hochschule für Musik, Franz Liszt in Weimar auch eine Ingenieurstudium absolviert hatte, war offensichtlich gerne in die Nordhäuser Hochschule gekommen, schließlich studiert hier seine Enkelin.
 Bild: Gunther Emmerlich im Audimax


Nun fand ja zur gleichen Zeit in der Galerie der Kreissparkasse Nordhausen die Gedenkausstellung anlässlich des 70. Geburtstages des Künstlers Lothar Rechtaceks statt, die Termine überschnitten sich also. Und das erinnert mich an den neuerlichen Versuch der Stadtverwaltung vor einiger Zeit – diesmal initiiert von der 2. Beigeordneten Hannelore Haase – eine Koordination der Termine von nennenswerten Veranstaltungen zu erreichen. Offensichtlich mit wenig Erfolg. Dass aber die Zeitungsredaktionen nicht einmal in der Lage sind, zwei nahezu gleichzeitig stattfindende bedeutende Veranstaltungen zu bedienen, scheint mir ein Armutszeugnis. Und dass seitens der Stadt Nordhausen (wie auch der „Thüringer Allgemeine“) der Ausstellung Lothar Rechtaceks ganz offensichtlich die größere Bedeutung beigemessen wurde – Ob Klaus Zeh und die Beigeordnete Hannelore Haase besuchten sie – ist bezeichnend. Schon weil es in der Ankündigung der Fachhochschule zu der Emmerlich Veranstaltung am 28.05.hieß: „Am Dienstag, dem 04.06.2013 setzt die Fachhochschule Nordhausen in Kooperation mit der Stadt Nordhausen … im Audimax ihre Veranstaltungsreihe FHN-Impulse fort.“ Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

Freitag, 7. Juni 2013

Lothar Rechtacek: Es gab nur wenige Standhafte

Diesmal also melde ich mich, nachdem ich gestern die „Werkschau - Lothar Rechtacek und Familie“ im Kunsthaus Meyenburg besuchte. Und nachdem ja am Dienstag mit einem Querschnitt seines Schaffens eine Ausstellung in der Galerie der Kreissparkasse Nordhausen eröffnet wurde, war ich neugierig, wie diese Werkschau im Kunsthaus gestaltet werden würde.

Man kann die Frage stellen, warum in so kurzer Zeit zwei Ausstellungen, die diesem Künstler gewidmet sind. Der, so betonte es die Leiterin des Kunsthauses, Susanne Hinsching, so viele Jahre die Kunstwelt in unserer Region entscheidend mitgeprägt hat. Eine Antwort darauf könnte sein, dass es genau deshalb der Galerie der Kreissparkasse ein Anliegen
war, dem viel zu früh verstorbenen Künstler anlässlich seines 70. Geburtstages eine Gedenkausstellung zu widmen. Es muss hier ja nicht (erneut) betont werden, dass auch sie in anerkennenswerter Weise mit ihren Ausstellungen seit nunmehr schon Jahrzehnten das künstlerische Geschehen in der Region maßgeblich mitgestaltet. Und demgegenüber das Kunsthaus Meyenburg als Dominante in Sachen Kunst in der Region schon „von amts wegen“ Maßstäbe setzt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang, dass ja auch die Jugendkunstschule, die von Lothar Rechtacek mitbegründet wurde, über Jahre in den Kellerräumen des Kunsthauses beheimatet war. Von dessen Wirken in dieser Schule der Künstler Jürgen Rennebach am Dienstag in der Galerie der Kreissparkasse als Laudator unter anderen ausführte: „Als Gründungsmitglied
dieser Kultureinrichtung und langjähriger Dozent übertrug er ungezählten jungen und auch älteren Menschen seine Begeisterung am Kunstmachen. So erhielten viele Mädchen und Jungen zudem das Rüstzeug für eine erfolgreiche Ausbildung oder ein künstlerisches Studium...“ Und in Erinnerung an seine eigene Erfahrung wusste er, wie wichtig dieses Rüstzeug ist, um Zugang zum Studium zu erhalten

Ich hatte die Laudatio Jürgen Rennebachs in ihren kunstbezogenen Teilen weitgehend wörtlich nach dem Mitschnitt wiedergegeben. Und wenn ich versuche, auch die Ausführungen der Leiterin des Kunsthauses, der Kunsthistorikerin Susanne Hinsching, in ihren wesentlichen Teilen möglichst authentisch wiederzugeben, muss es natürlich zu Überschneidungen bzw. Wiederholungen kommen, schon weil die Sichtweise des Künstlers und die der Kunsthistorikerin so unterschiedlich ja nicht sind.

Zu dieser Werkschau, die ja auch die Tippgeber-Mamsell der „Thüringer Allgemeine“ empfohlen hatte, ohne selbst oder einer der Redakteure dieser Zeitung zu erscheinen, waren gestern doch zahlreiche Gäste gekommen, die schon an der Vernissage in der Galerie der Kreissparkasse teilgenommen hatten. Die auch die Atmosphäre dieser Veranstaltung prägten. Etwas sach- oder kunstbezogener als in der Kreissparkasse, deren Vernissage ja einige Besucher mehr zählte, die sie zu einem mehr gesellschaftlichen Event werden ließ. Eröffnet wurde die Werkschau musikalisch von dem Duo Martina Zimmermann (man kannte sie vom Trio Contrabass in der Sparkasse, auch hier mit ihrem Instrument) und Steffi Faltermeier (Klarinette) denen auch die weitere musikalische Gestaltung oblag. Derer sie in höchst ansprechender Weise gerecht wurden.

Zum inhaltlichen Teil der Werkschau führte Susanne Hinsching aus, dass: „. . .unsere Ausstellung . . . auch als Erweiterung der Ausstellung in der Sparkasse zu sehen (ist), um damit Ihnen und allen kunstinteressierten Besuchern und Freunden Lothar Rechtaceks die Möglichkeit zu geben, viele seiner Werke gleichzeitig zu betrachten. Ergänzt wird unsere Ausstellung durch Werke der Familie Rechtacek, also seiner Witwe Elke
und seines Sohnes Wulf.“

Und weil es sich also um eine Erweiterung jener Ausstellung in der Sparkasse handelt, will ich auch der Kunsthistorikerin mit ihrer Laudatio breiteren Raum einräumen, auch wenn es, wie schon bemerkt, dabei gelegentlich zu Überschneidungen kommt.

Hinsching zitierte eingangs ihrer Laudatio Johann Wolfgang von Goethe mit der Erkenntnis: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, und haben sich, eh man es denkt, gefunden.“und meinte, dass dies als Leitsatz für die Kunst des 1943 im Teplitz- Schönau (jetzt Tschechien) geborenen und in Niedersachswerfen aufgewachsenen Künstler dienen könnte. „Lothar Rechtacek war Realist aus Überzeugung“, fügte die Kunsthistorikerin an und führte weiter aus, „Er hat sich seit seinem Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin-Weißensee der gegenständlichen Malerei verschrieben. Für Rechtacek war gerade die gegenständliche Malerei die älteste Darstellungsweise überhaupt – seit der Urgesellschaft versuchen die Menschen realistisch abzubilden – und damit ist sie auch die einzige Stilrichtung, die wirklich zeitlos ist. Dabei war Rechtacek natürlich kein absoluter Gegner des Gegenstandslosen, für ihn war es immer wichtig, dass Kunst in jeglicher Form von Können kommt. Deshalb war bei Lothar Rechtacek das Können stets mit dem Handwerk verbunden.

Nachdem die Leiterin des Kunsthauses dazu ausgeführt hatte, dass der Künstler vor seinem Studium eine Malerlehre absolvierte, und dann an der Fachhochschule in Potsdam dekorative Malerei studierte, haben ihn diese Fertigkeiten vor allem nach der Wende, in den für Künstler flauen Zeiten, gute Dienste erwiesen. Hinsching streifte in ihren Ausführungen das Schaffen des Künstlers in dessen Berliner Zeit als Mitglied des Verbandes der Bildenden Künstler, das er lange Jahre war, in der Gestaltung vieler Skulpturen vor allem Tierplastiken, z.B. Im Auftrag von Prof. Dathe für den Tierpark in Berlin.

In diesem Zusammenhang erinnerte Susanne Hinsching „Aufgrund seines Mangels an Bronze in der DDR“, so die Kunsthistorikerin „verwendete Rechtacek häufig auch Beton für seine Plastiken“, und nahm schon vorweg: „Beispielsweise auch für die Säule vor dem Rosengarten, welche die meisten Nordhäuser sicher kennen.“(Siehe das Bild dazu )

Nach seiner 20-jährigen Tätigkeit in Berlin, u.a. als Leiter des Grafikzentrums Pankow, in der er schon dort den künstlerischen Nachwuchs förderte, und anschließender freischaffender Tätigkeit, kehrte Rechtacek wieder in seine Heimatregion zurück, zuerst nach Heringen und später dann in die schöne alte Mühle nach Holbach. Das jetzt noch das Domizil für seine Kunst und seine Tiere sind, nunmehr von seiner Frau und seinem Sohn bewirtschaftet. Vor allem seine Hunde, die häufig auch die Modelle seiner Werke bildeten.

„Seine bevorzugten Themen in der Bildhauerei als auch in der Malerei und Grafik waren stets Mensch und Tier“, erläuterte Hinsching, um sich dann weiter mit dem Schaffen Rechtaceks zu befassen: „Dabei bildete die umgebende Landschaft zu Figur und Tier eher Beiwerk. Häufig stehen seine Figuren sogar vor einem
neutralen Hintergrund, um die dargestellten Personen – egal ob Portraits oder Akte, die es dem Künstler übrigens besonders angetan haben, - wie sie im grünen Raum stehen, - besser in den Mittelpunkt des Betrachters zu rücken,“ meinte die Kunsthistorikerin. Und diese eher dezente Bemerkung Hinschings zur Vorliebe Rechtaceks für die Aktmalerei muss nun wohl aus meiner Sicht etwas „intensiver“ ausgedrückt werden: Rechtacek nämlich verstand es, Frauen, die ihm als Model geeignet schienen, über kurz oder lang auch als solches für seine Malerei zu gewinnen. Und es soll wenige Frauen gegeben haben, die dem Angebot Rechtaceks, ihm Model zu stehen, widerstanden. Und die dabei entstandenen Bilder zeugen oft von deren Freizügigkeit oder künstlerischer Willfährigkeit. Und die Kunsthistorikerin ließ dazu ja auch wissen: „Die künstlerische Qualität seiner Portraits besteht vor allem darin, dass es dem Künstler gelingt, neben der äußerlichen Ähnlichkeit, durch die Wahl von Mimik und Gestik, auch die Charaktere der dargestellten Personen hervorzuheben.“

„Ein beliebtes Thema Rechtacek's“, so die Leiterin des Kunsthauses weiter, „ist die Motivwelt der germanischen Mystik und Mythologie, wie die Bilder „Wotan“ oder „Freche Elfe“ in unserer Ausstellung zeigen. Diese bestechen durch ihre expressive Farbgebung. Das flammende Rot und die intensiven Farbkontraste von türkis bis violett bringen die mystische Stimmung besonders hervor,

Rechtaceks Kunst ist ehrlich, darin sind sich alle Kenner des Künstlers und seiner Kunst einig. „Er verzichtet auf jegliche Form von Effekthascherei“, führte Hinsching dazu aus. „Seine Effekte entstehen nur durch eine besondere Malweise. Der Maler arbeitet dabei stets dünn mit der Farbe, niemals pastös, trotzdem erzielt er ungewöhnliche und faszinierende Wirkungen, besonders bei den mythologischen Themen.

Seine Tierdarstellungen zeigen – sowohl in der Plastik als auch in Malerei und Grafik – ein intensives Naturstudium. Viele der Werke scheinen wie eine Momentaufnahme von ekstatischer Bewegung. Auch hier fängt er die jeweiligen Charaktere selbst der exotischsten Tiere genau ein, z.B. bei der „Wildkatze“ die in unserer Ausstellung unter anderen zu sehen ist.

Dass ihm die angewandte Kunst nicht fremd war, zeigt sich vor allem in der Beherrschung zahlreicher, ja fast aller künstlerischen Techniken, sowohl in der Grafik – in der er zwar die Lithographie bevorzugte – als auch in der Malerei – mit Fresko oder Enkaustik, oder den verschiedensten Glastechniken. Dieses Wissen stellte Lothar Rechtacek auch seinen Kollegen zur Verfügung, so dass die verschiedensten künstlerischen Gemeinschaftsprojekte entstanden, z.B. die Skulpturen anlässlich der Landesgartenschau in Nordhausen an der Wasserachse oder der „Arche“.

Auch die Kunsthausleiterin erinnerte an die langen Jahre, in denen Rechtacek neben seiner freischaffenden Tätigkeit als Künstler auch als Dozent an der Nordhäuser Jugendkunstschule tätig war. Und viel Zeit in den Räumen verbrachte, die jetzt der Ausstellung seiner Werke dienen.
Damit näherte sich Susanne Hinsching dem Ende ihrer Laudatio und schloss mit dem Hinweis: „Auch wenn Lothar Rechtacek Picasso eigentlich nicht mochte, möchte ich mit einem Zitat von ihm enden: „Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.“ Mit dieser Weisheit empfahl die Kunsthistorikerin den Gästen, die ausgestellten Bilder ihrer näheren Betrachtung.

Ich habe den Ausstellungen und Einträgen zu Lothar Rechtacek gern so viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, schon weil ich darin meinen Abschied von diesem bemerkenswerten Künstler sehe, den ich kannte und außerordentlich schätzte.


Donnerstag, 6. Juni 2013

Gedenkschau Lothar Rechtacek

Wiederholt hatte mich Lothar Rechtacek nach Holbach eingeladen, um ihn in seinem Wirkungsbereich als Künstler, aber auch als Hundezüchter zu besuchen. Letzteres vor allem, seitdem ich ihn erzählte, dass meine jüngste Tochter zwar eine völlig andere Rasse – nämlich Neufundländer – züchtet, die sich aber wohl in ihrer
Statur und Stärke gegenüber den Doggen des Lothar Rechtacek nicht viel nachgeben. Ich schob die Einladung immer wieder hinaus, und nun bleibt mir nur, seine Werke in der Gedenkausstellung zu seinem 70. Geburtstag in der Galerie der Kreissparkasse Nordhausen zu betrachten. Und heute die „Werkschau – Lothar Rechtacek und Familie“ zu besuchen, um in dieser Form seiner zu gedenken. Ich habe ihn außerordentlich geschätzt.

Am Dienstag besuchte ich bereits die Vernissage der Ausstellung in der Galerie der Kreissparkasse und war – ich gebe es zu – überrascht von der großen Zahl an Aktbildern. Nun
halte ich mich ja nicht für prüde, aber diese bemerkenswerte Freizügigkeit oder auch „verführerische“ Stellungen einzelner seiner weiblichen Modelle machten mich erst einmal betroffen. Als ich die dann aber überwunden hatte, fiel es mir nicht schwer, sie als Teil der Ausstellung zu sehen und sie – wie auch sonst alle Bilder und Skulpturen - nach den verwendeten Materialien und Farben, Techniken und natürlich ihrer künstlerischen Inspiration und Ausdruckskraft zu betrachten. Das aber mehr bei einem anschließenden neuerlichen Besuch der Galerie, während dem ich das künstlerische Werk Lothar Rechtaceks auf mich wirken lassen konnte. Während ja die Vernissage mehr ein gesellschaftliches Ereignis darstellt, in der den Gästen Leben und Wirken dieses doch höchst bemerkenswerten Künstlers noch einmal
nahe gebracht wurde.

Und das tat zunächst nach dem musikalischen Ouvre durch das Trio Contrabass Wolfgang Asche, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Nordhausen, der es immer wieder gekonnt, also sachkundig, versteht, den jeweils ausstellenden Künstler und dessen Werke vorzustellen. Er dankte sogleich nach der Begrüßung der Gäste, unter denen sich auch OB Dr. Klaus Zeh mit seiner Frau und die Beigeordnete Hannelore Haase befanden, Lothar Rechtaceks Witwe Elke, Sohn Wulf und einer Familie Fischer für ihr Engagement zur Gestaltung der Ausstellung. Und dem Künstler Jürgen Rennebach für deren Planung und seine zu erwartende Laudatio. Gleichzeitig stellte er das Trio Contrabass mit Martina
Zimmermann, Stefan Blum und Stephan Messmer vor, denen auch die weitere musikalische Gestaltung des Geschehens oblag. Und irgendwie passten die Musikstücke, die sie ausgewählt hatten – darunter sogar ein Walzer – recht gut zur Persönlichkeit Rechtaceks. Mit der Ausstellung, so betonte Asche, wird ein Überblick durch alle Schaffensperioden Rechtaceks gezeigt, alle Techniken denen sich der Künstler bediente und seine Plastiken, die hohes handwerkliches Können offenbaren. Seine Lieblingsmotive waren der weibliche Körper, hob Asche hervor, und auch die Tierdarstellung. Wobei die gegenständliche Darstellung Natürlichkeit und Ästhetik noch am besten zur Geltung kommen lässt. Seine Kunst, so Asche, ist direkt und ehrlich. Landschaften gehörten dagegen kaum zu seinen Motiven und kommen auch in der Ausstellung kaum vor. Asche erwähnte aber auch die Mystik in der Kunst Rechtaceks, deren Beschreibung er allerdings Jürgen Rennebach überließ, der nach ihm und einem musikalischen Zwischenspiel die Laudatio hielt.

Und der Leiter der Jugendkunstschule, in der ja Lothar Rechtacek auch über Jahre wirkte, schilderte zunächst den Lebenslauf seines im Januar verstorbenen Künstlerkollegen. Danach wurde Rechtacek 1943 in Teplitz-Schönau, dem heutigen Teplice, in Tschechien geboren. 1945 mussten seine Eltern mit ihm und seiner älteren Schwester Tschechien für immer verlassen. Als Folge des Faschismus und nach dem Ende des II. Weltkrieges wurde die deutschböhmische Bevölkerungsmehrheit bekanntlich entschädigungslos enteignet und aus der angestammten Heimat ausgewiesen. Mit Koffern, Säcken und einem Handwagen verschlägt es die Familie nach Niedersachswerfen bei Nordhausen, führte Rennebach in seiner Laudatio aus und schloss mit dem Bemerken: „Hier findet Lothar viele Freunde, geht zur Schule und hinterlässt unauslöschliche Eindrücke bei der Dorfjugend.“
Diese letzte Darstellungspassage aber kann so kommentarlos nicht einfach stehen bleiben. Denn es mag zwar sein, dass der junge Lothar mit der Zeit in seiner neuen Heimat Freunde fand, aber so ganz einfach war die Aufnahme und Integration der Vertriebenen und damit der Familie Rechtacek in Niedersachwerfen nicht, weiß zum Beispiel Erika Hesse aus Niedersachswerfen zu berichten. Selbst Vertriebene und Schulkameradin Lothar Rechtaceks. hat sie sich stets um ihre SchicksalsgenossInnen verdient gemacht. Obwohl es ja jungen Menschen damals leichter gefallen sein mag, in der ihnen zugewiesenen neuen Heimat Fuß zu fassen. Sie war es ja wohl auch, die sich engagiert für das von dem Künstler Rechtacek gestaltete Denkmal der Mutter mit ihren Kindern einsetzte, das an die Vertreibung erinnert und vor einigen Jahren in Niedersachswerfen eingeweiht werden konnte. Und auch das scheint mir der Erwähnung wert.

Rennebach also ließ zunächst das Leben Rechtaceks mit dessen Ausbildung und Wirken vor allem in Berlin Revue passieren, schilderte den Künstler als geradlinig, offen, aber auch kritisch in seinen Kreisen. Zu den „Modernen“ gehörte Lothar Rechtacek nie, ließ Rennebach wissen. „Sein Ziel war es niemals, mit einem derartigen Namen gekennzeichnet zu werden. Er konnte nicht, um modern zu sein, seine Überzeugung ändern – nur um eine Bezeichnung zu verdienen, von der man nicht wusste, ob sie erstrebenswert sei,“ führte Rennebach dazu aus.

Interessant mag hier – neben seinem künstlerischen Schaffen – noch einmal auch sein Ruf als Züchter von Doggen erwähnt sein, zu dem er unversehens kam, nachdem ein schwarzer Doggenrüde, der getötet werden sollte einstens bei Elke und Lothar Rechtacek in Holbach Zuflucht fand. Und dadurch bei ihnen die Lust an der Hundezucht erwachte. Interessant auch deshalb, weil sich unter den Gästen der Vernissage mit Wolfgang Gierk auch ein Rechtsanwalt aus dem Altenburger Land (Starkenberg) befand, der die Rechtaceks wegen ihrer Doggen kannte und extra zu dieser Ausstellung angereist war, um dem Züchter posthum damit Reverenz zu erweisen.

„Rechtacek ist eine Kraftnatur, ein Draufgänger“, führte Rennebach weiter aus. „Selten sieht man ihn vorzeichnen. Auf der Leinwand beginnt er sofort mit frischen kräftigen Pinselhieben einen Akt hinzuhauen. Er malt unmittelbar mit nasser Farbe auf die Leinwand. Und die Farbe verleugnet nie den Koloristen. Kommen andere Maler feiner daher, so ist Rechtacek unmittelbar und direkt. . . Viele seiner Modelle, die weiblichen, tragen in den Sitzungen Rot im Gesicht. Egal, ob für ein Bild oder eine Plastik. Schlachtreifer Speck! Sie wiegen sich vor seinen lüsternen Augen. „Dem Maler-Metzger!“ Immer feiert er den weiblichen Körper, mal als Hure, mal als Göttin, mal als Kindfrau, mal als Vollweib. Ausnahmslos als Femme fatale. Die Frau, das Weib, ist ihm zeitlebens stärkste Inspiration und Schaffensquelle. Eine nackte Schulter, eine ausladende Hüfte oder ein runder Hintern fordern seine Einbildungskraft ganz „automatisch“ heraus“, so Rennebach. „Fleischliche Wirklichkeit setzt Rechtacek in Sinnlichkeit der Farben um. Laszive Eindrücke stehen im Ergebnis. Er arbeitet wahnsinnig schnell, mit Modell oder auch ohne. Mit seinen breiten, kräftigen Händen modelliert er äußerst geschickt in Wachs und Gips. Pinsel und Stift setzt er traumwandlerisch sicher auf Leinwand und Papier. Es war eine Freude, ihm dabei zuzuschauen.

Die direkte Anschauung der Frauenkörper gönnt er sich bei der Arbeit, zwingend braucht er sie jedoch nicht, so sehr ist er mit der menschlichen Anatomie und ebenso der tierischen vertraut.
Im Gegensatz zu Portraits und Akten entstehen Stilleben- und Landschaftsbilder nur selten. „Ich bin kein Landschafter“, zitiert ihn Rennebach.
Mythologische Themen treten als weitere grundlegende Bildinhalte zu Liebe und Sexualität hinzu. Rechtacek ist Kenner der antiken griechischen Mythen mit ihren Heroen, genauso wie der römischen Götter. Doch die germanische Schöpfungsmythologie hat es ihm am meisten angetan. Da geistern Nornen und geheimnisvolle Runenzeichen auf den Leinwänden umher. Ein Gemälde zeigt den behelmten, mit einer Lanze bewehrten Wotan und seinen ständigen Begleitern, den Rabenbrüdern Hugin und Munin auf seinen Schultern. Fast möchte man meinen, es ist der Künstler selbst, nur Wotans Bart ist länger.

In seinen plastischen Bildwerken versucht er konsequent, durch Verkürzungen und Überschneidungen Räumlichkeit und Bewegung darzustellen. Er hat eine Vorliebe für Detailtreue und Überschaubarkeit. Ein kontinuierlicher Fluss der Umrisse und deutliche Zusammenhänge der Körperformen lassen eine klare Ordnung entstehen. Arbeiten am Stein ist für ihn das Schwingen zwischen Hinwendung und Distanz. Bauch und Kopf entscheiden darüber, welche Form zur anderen gehört. Konkav zu konvex. Auch der Stein verrät es ihm, selbst wenn der sich nicht nach Belieben formen und verändern lässt. Er will aus ihm befreien, was in ihm steckt! Dabei verzichtet Rechtacek auf Maschinen. Er muss den Hieb wiedererkennen im wechselnden Licht, wo er den Stahl angesetzt hat.

Das ist was anderes mit Ton, Gips und gegossenen Kunststein. Die dulden einen Schöpfer über sich. . .

Viele neue Werke schwebten Rechtacek noch vor, selbst vom Krankenbett aus machte er große Pläne. Im Kopf waren die Ideen bereits fest umrissen. Aufgestapelter Ehrgeiz. Bis zum Ende war er da euphorisch. Gut so!
Wie stellt man einen Mann als Hahn mit gezwirbelten Bart dar?
Nun werden wir nicht mehr erfahren, wie die Portraitbüsten seiner Künstlerkollegen Form und Aussage in Einklang gebracht hätten.

Rechtacek ist früh gegangen. Er hat sein Leben gelebt, wie er es selbst sagte. Es war ein erfülltes, reiches Leben. Mit ihm ist eine Persönlichkeit und Respektsperson verbunden. Er war eine Autorität, er war ein Mann, von dem sich viele Menschen gern an die Hand nehmen ließen. Er war wichtig und prägend, nicht zuletzt für ungezählte dankbare Schüler der Jugendkunstschule Nordhausen. Als Gründungsmitglied dieser Kultureinrichtung und langjähriger Dozent übertrug er ungezählten jungen und auch älteren Menschen seine Begeisterung am Kunstmachen.

So erhielten viele Mädchen und Jungen zudem das Rüstzeug für eine erfolgreiche Ausbildung oder ein künstlerisches Studium. Um es mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry auszudrücken: Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Der Mensch Lothar Rechtacek war allzeit authentisch und hatte ein großes Herz. Er war immer ehrlich, zu sich selbst und jedem anderen gegenüber. Ein ungewöhnlicher Mann. Lothar imponierte mit seiner Vielseitigkeit, mit seiner Universalität. Er war sehr breit angelegt!

Stellung hat er immer bezogen und beziehen lassen. Mitunter war dies unbequem. Für ihn oder andere und da sind nicht nur seine Künstlermodelle gemeint.

Soweit also die Laudatio Jürgen Rennebachs. Das Trio Contrabass beendete den offiziellen Teil der Vernissage, der mit einem Büffet seine aufgelockerte Fortsetzung fand, die die Betrachtung der Werke des Künstlers und Gespräche darüber leicht fallen ließen.

Und heute also die schon erwähnte „Werkschau – Lothar Rechtacek und Familie“ um 19.00 Uhr im Kunsthaus Meyenburg. Die dortige Laudatio wird die Leiterin des Kunsthauses, Kunsthistorikerin Susanne Hinsching halten. Ich bin gespannt.


Aufbruch im Nahen Osten – aber wohin?

Am Sonntag sah und hörte ich im TV unter anderen den Presseclub der ARD, wobei mir unwillkürlich eine Bemerkung von Prof. Dr. Ekkehard Schulz (Uni Leipzig) einfiel. In der Einleitung seines Vortrags am Donnerstag in der Kreissparkasse Nordhausen nämlich meinte er, dass es bei seinen Vorträgen doch im allgemeinen so ist, dass die Zuhörer schon alles wissen, manche sogar alles besser wissen manche allerdings auch weniger. Im übertragenen Sinne schien mir das auf die Gesprächsrunde zuzutreffen, die da im Presseclub ihre Kenntnisse und Ansichten zu den Problemen im Nahen Osten äußerte und austauschte.

Diskutiert wurde unter dem Motto „80 000 Tote und kein Ende – lassen wir die Syrer im Stich“über den Bürgerkrieg und die schlimme und unübersichtliche Situation in Syrien, wo auf der einen Seite Assads Truppen, auf der anderen Seite Terrorgruppen und tausende radikaler Fanatiker gegeneinander kämpfen, wie es in der Gesprächsrunde zum Ausdruck kam. Gut und Böse seien in Syrien kaum mehr zu unterscheiden. Die Hoffnung, dass ein Sieg der Opposition für Demokratie und Wandel in Syrien sorgen könnte, sei längst geschwunden. Eine Friedenskonferenz im Juni solle wenigstens Verhandlungen der Kriegsparteien ermöglichen. Und es ging um die Frage was „wir“ tun können, um den Syrern zu helfen.

Dazu also fiel mir der Vortrag des Leipziger Uni-Professors Ekkehard Schulz zum Thema „Naher Osten im Aufbruch – Wohin?“ ein und ich fragte mich, warum diese sonntägliche Gesprächsrunde nicht einen wirklichen Fachmann zu Rate zog, um sich über die aktuellen Verhältnisse im Nahen Osten informieren zu lassen? Anstatt Meinungen auszutauschen, die die tatsächliche Situation nur unvollständig und mangelhaft wiedergaben?

Ich halte mich dabei also an den Vortrag des Prof. Schulz – mit einzelnen Einschüben - und will das möglichst authentisch wiedergeben, was er dabei ausführte. Seit ich diesen Vortrag hörte, bin ich geneigt, seiner Einschätzung zu der Region des Nahem Osten unter der Vielzahl der angebotenen Informationen den größten Glauben zu schenken. Wobei ich einräume, lediglich ein allgemeines Interesse am Nahen Osten zu haben. Den Argumentationen des Professors stehe ich u.a. deshalb die größte Glaubwürdigkeit zu, weil er sich damit als wirklich profunder Kenner der Verhältnisse im Nahen Osten vorstellte. Aber auch die Art, wie er sich und das Institut vorstellte, in dem er wirkt, fand ich absolut überzeugend. Und seine Aussage, nach der er an keiner medialen Sendung mehr mitwirken wird, zu der er zu einem Thema wie dem Nahen Osten eingeladen wird. Weil das, was er dazu in der dafür notwendigen Zeit äußert, danach auf einen Bruchteil der Zeit zusammengeschnitten wird, die dann meist keinen vernünftigen, sachlichen Zusammenhang mehr erkennen lässt.

Zur Erklärung sei zu ersteren gesagt, dass Prof. Schulz das Orientalische Institut der Universität Leipzig, dem er zeitweise schon als Direktor vorstand, mit dem Hinweis vorstellte, dass es mit seinen 250 Jahren zu den ältesten seiner Art zählt und zu den Bachelor- und Master-Studiengängen u.a. auch die Ausbildung zum Konferenz- bzw. Simultandolmetscher für Arabisch gehört. „Das war“, so führte er dabei aus, „ein Beschluss des DDR-Politbüros von 1967, der bis heute ein segensreicher Beschluss ist. Wir sind die einzigen, die das überhaupt können, in Deutschland und auch in Europa.
Das Politbüro hat also nicht nur immer Blödsinn beschlossen, es gibt eben auch die andere Seite der Medaille.“ Und eine solche Aussage ist immerhin bemerkenswert. Und zu seiner Absage an verkürzte und zusammengeschnittene Statemants und Interviews, die ja heute üblich sind und allgemein bemängelt werden, könnte man diese Konsequenz ganz allgemein Politikern und Fachleuten empfehlen.

Sparkassendirektor Thomas Seeber hatte in Abwesenheit des Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Nordhausen, Wolfgang Asche, Prof. Dr. Ekkehard Schulz und die Teilnehmer an der Veranstaltung, begrüßt und auf das Thema des Vortrags eingestimmt.

Und der Professor begann sein Referat also mit dem oben erwähnten Bemerken und der Versicherung, er sei bemüht, sich auf sein jeweiliges Publikum einzustellen. Und regte an, ihn auch während seines Vortrags zu unterbrechen, wenn sich Fragen dazu unmittelbar ergäben. Dies war dann auch vereinzelt der Fall, hielt sich aber in Grenzen.

Dazu könnte es gut sein zu wissen, dass der Begriff des Nahen Osten, der Thema des Vortrags war, eine geographische Bezeichnung ist, die heute im Allgemeinen für arabische Staaten Vorderasiens und Israels benutzt wird. Ob man dazu auch Zypern, die Türkei, Ägypten und den Iran zählt, hängt oft von der jeweiligen Interessenlage ab. Im gehörten Vortrag hatte man den Eindruck, es wären das zum Teil Anrainerstaaten, allerdings mit großem Einfluss auf den eigentlichen Nahen Osten.

Prof. Schulz führte zunächst zum Thema aus, dass derzeit gern und vermehrt in Nachrichten und Berichten vom „arabischen Frühling“ die Rede ist, während dem die Ereignisse in den meisten arabischen Ländern von politischen Aufbrüchen in der Region künden. Dazu stellte der Referent klar, dass es im Nahen Osten eigentlich nur zwei Jahreszeiten gibt: Sommer und Winter. Frühling käme zwar mitunter in der Lyrik vor, sonst aber könne man sich eher derzeit im Winter des Nahen Osten wähnen. Und er begründete das auch ausführlich.

Nun erinnerte mich das, was Prof. Schulz vortrug, an ein Referat des Nahost-Korrespondenten der „Neuen Züricher Zeitung“, Victor Kocher, das ich in meinem Archiv habe. Das nämlich begann mit der Feststellung: „. . .Der Vordere Orient ist eine undankbare Region mit täglichen schlechten Nachrichten und voll skrupellosen Blutvergiessens. Das westliche Publikum bekundet immer mehr Unverständnis und Überdruss, da die Konflikte endlos scheinen. Einflussreiche westliche Politiker beschwören mit Vorliebe islamische Schreckgespenster.. .“ (Ende des Auszugs). Das Referat stammt aus dem Jahre 2007 und hat insoweit an Aktualität nichts eingebüßt

Den Einschub erachte ich deshalb als sinnvoll, weil Prof. Schulz gerade in diesen angeblichen Schreckgespenstern eine enorme gegenwärtig drohende konkrete Gefahr im Nahen Osten in Form einer Art Balkanisierung sieht, wie sie in der jüngeren Vergangenheit in Jugoslawien stattfand. Mit dem Bestreben einer Rückkehr zu den Grenzen von vor 1914. Das sich derzeit auch als Muster in der arabischen Welt generell abzeichnet. Also eine Rückkehr zu Strukturen, zu Grenzen, zu ethnischen Trennungen, zu religiösen, konfessionellen Abgrenzungen, wie das in langen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg üblich war.

Nachdem der Vortragende dargelegt hatte, auf welche Länder und deren Eigenheiten und Probleme er noch näher eingehen werde, wandte er sich zunächst der geschichtlichen Entwicklung des ursprünglichen Osmanischen Reiches und dessen weiterer Gestaltung zu. Illustriert durch zahlreiche gebeamte Bilder führte er aus, dass die sehr schmeichelhafte Bezeichnung „Erwerbungen“ bis 1520 zwar teilweise zutreffen mag, ansonsten aber mit „Eroberungen“ besser bezeichnet ist. Zu diesen Strukturen scheint sich derzeit die arabische Welt oder der Nahe Osten zurück zu bewegen. Wobei man „sich das genauer anschauen muss“. Das Osmanische Reich ist ja nach dem Ersten Weltkrieg neu strukturiert worden durch die europäischen Großmächte, die Kriegsgewinner sozusagen. Man hat das Osmanische Reich zurechtgestutzt oder unter Kontrolle gestellt und man hat Teile davon, um die es im folgenden gehen wird, zu einem britischen und französischen Mandatsgebiet gemacht.
In diesem Zusammenhang wies Prof. Schulz auf das Waffenembargo gegen Syrien hin, gegen dessen Verlängerung diese beiden Regierungen sind. Scheinbar in Ansehung ihrer historischen Rolle als Kolonialmächte.nach dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen von 1916 (das Prof. Schulz nach seinem Inhalt erklärte) und der Teilung der arabischen Welt gemäß dem Vertrag von Sévres von 1920. Dabei sei Wert darauf gelegt worden, dass ethnische oder religiöse Grenzen beachtet wurden. Also darauf geachtet wurde, dass Kurden dort wohnten, wo Kurden waren, Sunniten wo Sunniten waren, Schiiten wo Schiiten waren. Um Konfliktpotenziale so gering wie möglich zu halten. Im weiteren Verlauf – und dem ökonomischen Fortschritt des Marktes – sind viele dieser Widersprüche und Kleinstaatereien überwunden worden. Also das Assad-Regime, das Gaddafi-Regime, und Saddam-Hussein-Regime haben viel dazu beigetragen, diese Unterschiede in Religion und ethnischer und Stammeszugehörigkeiten zu beseitigen. Ähnlich war es in Jugoslawien, dass also Sunniten mit Schiiten verheiratet waren, Kurden mit Arabern, Araber mit Christen, es gab also schon jede Form von Vermischungen.
Und einige meiner Kollegen, so führte Prof. Schulz aus, in Damaskus – der dortigen Universität - wohnen ebenso seit etwa 30 Jahren zusammen in einem Häuserblock, vollkommen gemischt, Christen , Sunniten, Muslime, Schiiten, Alawiten, alle gemeinsam. Und das ging etwa vierzig Jahre gut, und jetzt fangen sie alle an, sich gegenseitig umzubringen. Also ähnlich wie damals in Jugoslawien oder der Rest-Sowjetunion. Diese Auswüchse sind da und nur schwer zu beherrschen.


Der Professor richtete nun seinen Blick auf den Irak, den er kürzlich besuchte, der einen Flickenteppich gleicht aus verschiedenen ethnischen Gruppen, wobei gerade auch dort neuer Krieg droht – oder eine Fortsetzung des alten Krieges – zwischen Sunniten/Schiiten und Kurden. Wobei offen ist, ob sich die arabischen Sunniten auf die Seite der Kurden schlagen werden. Oder ob Araber gemeinsam gegen Kurden vorgehen werden. Kurdistan ist ein Ölemirat geworden, hat also Ölreserven wie die Emirate, also wie Abu Dhabi, pro Kopf gerechnet (je Einwohner), sie sind also auf dem Wege, ökonomisch
sehr stark zu expandieren und prosperieren, haben aber mehr Probleme, denn sie sind als Emirat eingefangen und suchen einen Weg im Norden durch Syrien zum Mittelmeer. Der Vater Assads hat an der Syrisch-Kurdischen Grenze – weil beiderseits Kurden wohnen – vor 40 Jahren den sogenannten Arabischen Gürtel eingeführt, indem er arabische Beduinen ansiedelte, die die Grenze schützen sollten. Also wie eine Art Kosaken. Damit der kurdische Schmuggel zwischen Türkei, Kurden und syrischen Kurden nicht florieren kann. Weil hunderttausende Kurden Staatsbürger beider Staaten waren. Ohne Pass allerdings. Eine Situation, die historisch gewachsen war. Was natürlich ein staatliches Gebilde zerstört, wenn man Grenzen hat, Zölle erhebt und einen Markt haben will. Und man schon deshalb Grenzen haben und schützen muss. Deshalb hat damals Assads Vater diese Araber angesiedelt an der Grenze zur sunnitischen Türkei, was auch von den Türken unterstützt wurde. Weil ja die Türken Probleme haben mit ihrer kurdischen Bevölkerung. Derzeit ist es allerdings so, dass sich diese Araber quasi zwischen Hammer und Amboß befinden und im Kurdengebiet eingeklemmt sind: rechts sind Kurden, links sind Kurden und die Araber dazwischen. Man bemüht sich also nun, die Araber zu vertreiben und wieder zu einem einheitlichen Kurdengebiet zu kommen,
eine recht komplizierte Situation, wie Prof. Schulz dazu bemerkte. Eine der Karten zeigt also, wie die Kurden das Gebiet gern hätten. Und um diese Grenzen wird gekämpft. Dabei sind die Städte Dohuk(?) und Mosul Brennpunkte, schon weil dort der welt- größte Ölreserven liegen. Die kurdische und irakisch-schiitische Armee stehen sich also dort gegenüber, um diesem Kampf um die Ölquellen auszutragen. Der Vortragende schilderte in diesem Zusammenhang etwas detaillierter die ausländischen Interessen an den Ölquellen des Landes und deren Verhältnis zu Kurdistan und dem Irak. Eine insgesamt brisante Situation, wie sie sich leicht nachvollziehbar darstellt.


Prof. Schulz ging nun auf die Lage in Syrien ein. „Wenn wir von Syrien sprechen, meinen wir im Grunde das Land, das heute Syrien ist. So jedenfalls wird es suggeriert“ führte er dazu aus, um festzustellen, dass dieses Land Syrien etwas anderes ist. Nämlich das koloniale Syrien, was die Kolonialmächte Briten und Franzosen getrennt haben. Davor gab es die sogenannte Levante, das heißt, ein Groß-Syrien. Und kolonial abgetrennt wurde dann der Libanon, Jordanien und ein Teil des
Irak. Ursprünglich aber war das vor dem 1.Weltkrieg ein einheitliches Gebiet. Und es scheint, als würde sich dieses Gebiet, mit den verschiedenen Gruppierungen darin, wieder „zusammen schütteln“ auf die Situation vor dem 1. Weltkrieg. Und wenn Assad sagt, Libanon ist seine Einflusssphäre, das gehöre zu Syrien, hat er, historisch gesehen, nicht unrecht. Der Libanon war immer ein Teil von Groß-Syrien. Syrien ist also weitgehend geteilt, in einen sunnitischen Teil an der Küste, den Küstenstaat der Alaviten. Im Grunde gibt es in der arabischen Welt die Sunniten und die Schiiten: 10 Prozent der religiösen Bevölkerung der Region etwa ist schiitisch, 90 Prozent und noch mehr sind sunnitisch. Die Alaviten in Syrien sind Schiiten. Das ist eine konfessionelle Untergruppe der Schiiten, die aber eine sehr aufgeklärte Islamvorstellung haben. Sie haben also bisher eine Islamvorstellung , wie wir sie gern in Westeuropa hätten. Sie gehen in die Moschee, sie bekennen sich zu einem einzigen Gott, aber sie nehmen alles nicht so absolut. Das ist der alavitische Teil der Muslime in Syrien. Es gibt dann dort auch noch Schiiten, die sind auch noch
offener (nach westlicher Tradition) eingestellt. Das hängt noch mit der Vergangenheit zusammen, begonnen mit den Kreuzzügen und den gewachsenen Handelsbeziehungen und ist auch eine der ältesten Kulturen der Welt. Die zu einer offeneren Geisteshaltung führte. Während die Kurden im Norden sehr viel strenggläubiger sind. Und dann gibt es auch noch die Christen, zwei- bis drei Millionen Christen, so genau weiß man es nicht. Die jetzt zunehmend zerrieben werden. Die Christen nämlich haben sich von Beginn an relativ deutlich zu Assad bekannt. Weil sie wissen, dass sie, wenn das Regime fällt, von den radikalen Sunniten massakriert werden. Die radikalen Sunniten schreiben auch im Internet, die Christen und die Kurden sollen lieber gleich gehen, bevor es zu spät ist.


So also ist die Argumentationslinie dieser radikalen sunnitischen Gruppen. Die eingestellte Karte zeigt also Syrien, zu dem einstens der Irak und Jordanien gehörte, und ein Groß-Syrien bildete. Prof.
Schulz erinnerte hier an den „Überfall“ des Irak auf Kuweit, mit dem – historische gesehen – Kuweit als Provinz eigentlich nur zum Irak zurückgeholt wurde. Der einstens nur von den Briten abgeteilt worden war. Es ist aber stets nur so dargestellt worden, dass der böse Saddam die guten Anderen überfiel. Als bemerkenswert schilderte der Fachmann, dass die Entwicklung mit sich brachte, dass der Irak als eigentlich ölreiches Land heute Öl importieren muss, weil die Ölpipelines nicht zu sichern sind. „Wenn die Bevölkerung nicht hinter den Interessen der ölfördernden Staaten (Firmen) steht, kann keine Pipeline gesichert werden, selbst wenn alle paar Meter ein Soldat steht. Und Tatsache ist, dass alle Ausschreibungen im Kuweit nach dem dortigen Krieg von Projekten der Ölförderung an die USA gingen. Was wiederum die Briten maßlos erboste. Während im Irak hunderte Milliarden von Dollars oder irakischen Dinars einfach durch (private) Gaunereien verschwanden

Der Professor kam nun zu den Emiraten und erklärte zunächst die geographische Situation auf den gebeamten Karten, auf denen es schon Unterschiede zur Sichtweise der Emiratis und der Saudis gibt. Nachdem sich die Saudis mit Gewalt einen Zugang zum Golf von Oman verschafften. Um durch eine durch dieses Gebiet gebaute Pipeline nicht mehr unbedingt für ihre Öllieferungen auf die Straße von Hormus angewiesen zu sein. Die hoheitsrechtlich iranisches Staatsgebiet ist. Und nachdem seit 1971 ein verschärfter Konflikt zwischen dem Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten um Abu Musa und die Tunb-Inseln besteht, droht der Iran mit der Sperrung der Straße von Hormus. Nun hat allerdings die Pipline durch Oman nicht genügend Kapazität und so sucht Saudi Arabien nach weiteren Möglichkeiten, um durch den Jemen oder Syrien (zum Mittelmeer) weitere Pipelines bauen zu können. Insofern ist Saudi Arabien natürlich am Verlauf des Bürgerkrieges in Syrien interessiert und unterstützt zusammen mit Katar die Opposition, allerdings nur die sunnitische, als ihre ethnischen Brüder. Dazu wies Prof.Schulz darauf hin, dass vor dem 1.
Weltkrieg die sunnitischen Beduinenstämme Syriens, Jordaniens, Iraks und auch Teilen von Saudi Arabiens (des heutigen Saudi Arabien) eine Gruppe (Gemeinschaft) war, die ethnisch alle verwandt sind. Und auch untereinander verheiratet sind, allerdings durch die schon erwähnten kolonialen Grenzen getrennt. Aber diese Grenzen nie wirklich respektiert haben. Und auch versuchen, dieses alte Schema wieder herzustellen. Und anhand der gebeamten Karten machte der Nahost-Kenner deutlich, dass es schon deshalb Dutzende Gründe gibt, Kriege vom Zaune zu brechen. Zumal die Grenzverläufe an zahlreichen Stellen durchaus ungeklärt sind. Und Saudi Arabien will nun das, was es in den letzten 70 Jahren „erworben“ hat, konsolidieren. Saudi Arabien ist ja in den zwanziger Jahren entstanden, ähnlich wie in Afghanistan gab es dort so etwas wie die Taliban, die im Laufe der Zeit die Nachbarstaaten überfielen und dieses Königreich Schritt für Schritt bildeten. Prof. Schulz erzählte in diesem Zusammenhang als Beispiel ein ihm bekanntes dortiges Einzelschicksal gemordeter Angehöriger eines Bekannten, der heute noch auf die Gelegenheit wartet, diese Morde zu rächen. Und solche Beispiele gäbe es viele. Erneut zog er dabei einen Vergleich zu Jugoslawien und dem dortigen Hass zwischen den ethnischen Gruppen. Es gibt also Probleme nicht nur zwischen den Emiraten und Saudi Arabien, es gibt auch Probleme zwischen Oman und den Emiraten, es gibt die omanischen Enklaven und Exclaven in den Emiraten – Dubai, Abu Dhabi u.s.w. - wo man sich streitet und eben auch dabei genügend Konfliktstoff vorhanden ist.


Professor Schulz ging dann auch auf den Demokratiebegriff im Zusammenhang mit dem Nahen Osten ein: diese Gesellschaften, Syrien vor allen Dingen, Afghanistan, Saudi Arabien, Irak – Ägypten ist etwas anders aber doch ähnlich – Lybien, auch Tunesien mit einigen Unterschieden, sind im Prinzip ethnisch und religiös gespalten (auch wie in Afghanistan). Wenn man dort Wahlen durchführt, wählt niemand außerhalb seiner Gruppe: kein Sunnit wählt einen Schiiten, kein Schiit wählt einen Sunniten. Kein Kurde einen Araber, kein Araber einen Kurden. Kein Christ einen Muslim, kein Muslim einen Christen.usw. Und wenn das so ist, in Afghanistan, in Lybien, Saudi-Arabien und im Jemen und jedenfalls auch in Syrien und Irak, warum macht man dann Wahlen? Man braucht doch nur die Bevölkerungsgruppen zählen, um zu wissen, wie die Wahlen ausgehen. Wahlen, jedenfalls das, was die Europäer oder die Amerikaner machen, Wahlen exportieren nach unserem Muster, heißt ja nicht, dass die Wahlen falsch sind, sondern die Art der Durchführung ist falsch.Und führt dazu, dass die Konflikte nicht gelöst, sondern verschlimmert werden. Weil bei den Wahlen,
dieses gegenwärtige natürliche Gleichgewicht des Schreckens (was derzeit besteht) zerstört wird: bestimmte Gruppen haben keinen Zugang zur Wahl, sind also im Parlament nicht vertreten. Und damit von vornherein Opposition zur bestehenden Machtverteilung. Bestimmte andere Gruppen werden nicht entsprechend ihrer Wichtigkeit im Parlament sitzen, sie haben im Jemen bestimmte Gruppen (Zaiditen zum Beispiel), das sind Nachkommen des Propheten, die wohl nicht einmal hunderttausend zählen und bei Wahlen nicht einmal die 1-Pozent-Hürde schaffen. Aber die müssen – historisch gesehen - im Parlament sein. Bestimmte Gruppen müssen einfach da sein. Monarchien arbeiten auch mit Minderheiten sehr gut zusammen, um sie gegen Mehrheiten nutzen zu können. Und stellen dadurch einen Ausgleich her. Wahlen also würden dazu führen, dass dieses historisch gewachsene Gleichgewicht zerstört wird. Sowohl in Afghanistan als auch in Groß-Saudi-Arabien, um Beispiele zu nennen.. Die Sozialstruktur, die kulturellen Entwicklungsstufen, die erreicht worden sind, sind vielleicht so wie in Deutschland vor dreihundert oder fünfhundert Jahren. Auch wenn sie dort Cadillac oder Landrover fahren. Aber wenn man in die Familien schaut, in die Strukturen, ist das so wie bei uns vor zweihundert Jahren, im Durchschnitt. Geht man also zurück, zweihundert Jahre in Deutschland: gab's da Universitäten für Frauen? Gab' promovierte Wissenschaftlerinnen? Gab's so etwas wie Menschenrechts-Diskussionen? Gab's politische Parteien? Nun ja, in gewisser Weise begann sich das alles zu entwickeln, aber bei weitem
nicht in der Weise wie heute. All das hat es zunächst nicht gegeben. Aber all das sollen diese Länder heute haben. Das aber ist ahistorisch. Es gab damals auch keine Wahlen. Man oktroiert da etwas, was zu den historischen Bedingungen noch nicht passt. Es gibt Länder wie etwa Bahrain, die sagen, wir machen Wahlen, aber wir wählen nur 10 Prozent. Und 90 Prozent der Mitglieder des Parlaments, Thronrat, Schurarat, Beratungsgremien des Emirs (des Scheichs) werden dagegen ernannt. Bei der nächsten Wahl, fünf Jahre später, vielleicht 15 Prozent. Also schrittweise versucht man das System umzustellen. Das aber ist ein Prozess, der vielleicht hundert Jahre oder länger dauert. Man kann einfach nicht solche Strukturen, wie sie bei uns historisch gewachsen sind, so 1:1 nach dort transportieren. Das Ergebnis sieht man in Afghanistan: de Maisiére hat unlängst gesagt, wir werden das afghanische Volk nicht im Stich lassen. Das klingt zwar großartig. Wer aber ist das afghanische Volk? Das sind die Paschtunen: 60 – 70 Prozent der Afghanen sind Paschtunen. Das sind auch die, die zu 99 Prozent die Taliban sind. Und die lassen wir nicht im Stich? Das ist doch Unsinn. Die neue Armee, die in Afghanistan aufgebaut wird, besteht etwa aus 4 Prozent Paschtunen. Der Bevölkerungsanteil 60 – 70 Prozent. Da ist von vornherein klar, dass eine solche Armee, auch wenn in sie massiv Steuergelder hineingepumpt werden, nie funktionieren kann. Ist auch nicht beabsichtigt. Bei der Ausbildung von Polizisten, sowohl in Afghanistan, aber auch im Irak, für die es ja Programme gibt, ist es das gleiche: wenn sich die NATO zurückzieht, dann bleiben die
nicht bei der Zentralarmee, sondern sie gehen zurück zu ihren Stamm, zu ihrer Gruppe, zu ihrer religiösen Gemeinschaft, weil nur dort Schutz gegeben ist. Alles andere macht für die Menschen vor Ort keinen Sinn. Wir bilden also sozusagen – wenn man so will – die Privatarmeen der künftigen Kriegsparteien aus. So traurig das auch ist, aber leider ist es so. Und deswegen ist das alles eine sehr problematische Situation, die dort gegeben ist. Wir hoffen nicht, aber wir rechnen, dass Saudi-Arabien in den nächsten Jahren eine Entwicklung wie der Balkan nehmen könnte. Die Konflikte sind da, es reicht nur der politische Wille noch nicht, der ist noch nicht entwickelt. Wenn der entwickelt wird, ist auch das sehr schnell möglich. Syrien wird also, wie es aussieht auf eine ethnische Teilung hinauslaufen, was noch die beste Variante wäre, die man sich vorstellen kann: dass sich jede Gemeinschaft auf ihr Gebiet zurückzieht und die Kriegshandlungen eingestellt werden. Das ist eine der Optionen die man hätte in Syrien. Also dass man zurückgeht auf diese ethnischen Territorien wie vor dem 1. Weltkrieg,. Sich also jeder mehr oder weniger eingräbt, wodurch kleinere Einheiten entstünden, die auch besser zu kontrollieren sind. Und die dann wieder in einem langen Prozess über Jahrzehnte vielleicht über einen Markt, wie sich das ja jetzt bei Ex-Jugoslawien andeutet, in einer Art Rückbesinnung auf gemeinsame Straßen, gemeinsame Handelswege münden kann, weil diese kleinen Einheiten halt doch ökonomisch schwer lebensfähig sind. So jedenfalls könnte es sich in Syrien entwickeln. Wir rechnen auch damit, dass Jordanien, was ja auch ein Kunstgebilde und kein gewachsener Staat ist, eine Gründung also der Kolonialmächte, sich in der Gefahr befindet, aufgelöst zu werden. Und sich anders zu strukturieren sceint, mit den Stämmen des Irak zusammen und Teilen von Saudi-Arabien. Die Christen haben in Syrien einen schweren Stand, im Irak sind sie fast alle vertrieben, wenn sie nicht nach Kurdistan flüchten konnten wo sie geschützt sind. In Syrien droht ihnen das gleiche Schicksal. Die Masse der Syrer, die bei uns in Deutschland aufgenommen worden sind, sind christlichen Glaubens, man hat also versucht, diese Wege zu öffnen. Lybien bewegt sich in Richtung einer Stammesgesellschaft, die sie ja auch gewesen ist. Sie war in Auflösung und jetzt ist es so dass man Ost- und Westlybien hat, also die Cyrenaika und Tripolitanien. Das war schon bei den Römern so, und auch bei den Kartagern. Und dieser alte Zustand hat sich jetzt wieder eingestellt. Bekannte des Prof Schulz berichten, dass das gesamte staatliche System Lybiens zusammengebrochen ist, Armee und Polizei wechseln wieder zurück zu einen Stammessystem, Stammesgerichtsbarkeit usw. Und das Staatliche ist nur noch die äußere Hülle. Also ehr kompliziert. Tunesien ist noch auf dem besten Wege dieser Länder, weil dort die Zivilgesellschaft sehr stark ist, dank der starken französischen Einflussnahme über Jahrzehnte. Es gibt dort auch sehr starke Gewerkschaften, die auch auf die Straße gehen und dabei auch Islamisten und Salafisten entgegen treten. Aber auch dort wird es problematisch. Zwar kämpfen die Kollegen (des Professors)an den Unis und sind auch erfolgreich in vielen Bereichen, ihre Rechte einzuklagen. Aber auch dort macht sich eine Radikalisierung bemerkbar, man bewaffnet sich, denn eine Alkaida gibt’s mittlerweile auch in Tunesien. Die lybischen Waffen, die herrenlos in ganz Afrika inzwischen vagabundieren, sind also jetzt auch im Süden Tunesiens angekommen. Und von dort beginnt eine Art militärische Rückeroberung eben auch zu einer Stammesgesellschaft, die man schon überwunden glaubte. Jetzt kommen diese tribalen Abhängigkeiten zurück, vor allem in Fragen der Krise. Wenn das Land, wenn die Familie bedroht wird, wenn die staatliche Schutzmacht nicht mehr funktioniert, ist die Großfamilie, ist das Dorf, wo man herkam, der einzige Schutz. Und die alten Verhältnisse stellen sich schnell wieder automatisch ein. Ganz problematisch also letztlich auch dort.(Es folgt noch ein weiterer Teil.)